„Der Klimaschutz wird aus ökonomischen Gründen scheitern“

Professor Dr. Stefan Bayer plädiert für eine bessere Anpassung

Klimawandel, Klimastress, Klimakrise – die Weltgemeinschaft steht an einem Scheidepunkt. Das war auf dem G20-Gipfel in Rom Ende Oktober Thema und steht auch auf der derzeitigen Weltklimakonferenz der Vereinten Nationen in Glasgow auf der weltpolitischen Agenda. An der Katholischen Akademie in Hamburg diskutierte Professor Dr. Stefan Bayer, Leiter Forschung am GIDS, mit weiteren Experten über Strategien, dem Klimawandel zu begegnen.

„Wir stehen vor gewaltigen globalen Anstrengungen“, sagte Dr. Veronika Bock, Direktorin des Zentrums ethische Bildung in den Streitkräften (zebis), in ihrer Begrüßung. Die Podiumsdiskussion „Sicherheitsrisiko Klimawandel – was die Erderwärmung für die internationale Sicherheitspolitik bedeutet“ richtete das zebis gemeinsam mit dem Julius-Leber-Forum der Friedrich-Ebert-Stiftung aus. Laut dem jüngsten UN-Bericht, so trug Bock vor, müsse die Weltgemeinschaft ihre aktuellen Klimabemühungen versiebenfachen, wolle sie die Erderwärmung auf 1,5 Grad begrenzen. Die jetzigen nationalen Klimaschutzpläne reichten nicht aus, dieses Ziel zu erreichen. Andererseits werde der Klimawandel zunehmend als existenzielle Gefahr für die Menschheit wahr- und auch ernst genommen. „Wir sitzen alle in einem Boot“, zitierte sie den US-Klimabeauftragten John Kerry, der zu einem „kollektiven Multilateralismus“ aufruft.

Wehrbeauftragte für Stärkung des Zivilschutzes

Das war die Ausgangslage. Professor Dr. Stefan Bayer, die Wehrbeauftragte des Deutschen Bundestages, Dr. Eva Högl, die Leiterin Zentrum für Klima und Außenpolitik bei der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik, Dr. Kira Vinke, sowie Professorin Dr. Angela Kallhoff vom Institut für Philosophie der Universität Wien diskutierten anschließend über internationale Krisenprävention und die Rolle der Streitkräfte im Klimawandel. Professor Dr. Bayer, der zu Klimawandel und der strategischen Ausrichtung von Streitkräften forscht, betonte, dass er davon ausgehe, dass Klimaschutz aus ökonomischen Gründen scheitern werde. Eine Vermeidung des Klimawandels sei nicht mehr zu erreichen. „Wir haben es nicht mehr in der Hand, nun müssen wir die Anpassungsmaßnahmen optimieren“, sagte er. Die Wehrbeauftragte verwies hingegen auf die vielen wissenschaftlichen Vorarbeiten und Maßnahmen von Think Tanks und Regierungen. Dies sei aber noch nicht ausreichend. „Auch die Bundeswehr muss den Klimawandel berücksichtigen und bei Klima- und Umweltschutz besser werden“, sagte sie.


Vinke, die vormals am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung forschte, warnte vor extremen Klimafolgen. Deutschland müsse sich die Frage stellen, wo es zu Interessenskonflikten kommen könne und wo die Sicherheit Deutschlands betroffen sei. Kallhoff verwies darauf, dass die reichen Nationen aufgrund des Verursacherprinzips besondere Lasten zu tragen hätten. Die westlichen Industrienationen verantworteten einen Großteil des Klimawandels und seien nun in der Bringschuld, die Bearbeitung der Folgen in betroffenen Ländern auch finanziell zu unterstützen. Die Diskussion kam schließlich zu der Frage, welche Rolle Streitkräfte im klimabedingten Katastrophenschutz beziehungsweise im internationalen Krisenmanagement bei Umweltkatastrophen einnehmen könnten. Die Wehrbeauftragte positionierte sich eindeutig: „Die weltweite Bekämpfung der Folgen des Klimawandels ist nicht die Aufgabe der Bundeswehr. Stattdessen muss es das Ziel sein, die Strukturen für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe zu stärken – in Deutschland, in Europa und in der ganzen Welt.“

Streitkräfte als Technologietreiber

Professor Bayer zufolge gelte es, den Katastrophenschutz zu verbessern; dabei könne das Militär ein Bestandteil sein. Länder wie Spanien hätten mit der „Unidad Militar de Emergencias“ bereits militärische, weltweit einsetzbare Einheiten für einen verbesserten Katastrophenschutz geschaffen. Er plädierte dafür, Militär beim Katastrophenschutz mitzudenken. Der Leiter Forschung am GIDS hob zudem hervor, „dass die Bundeswehr zum Technologietreiber nachhaltiger Energiesysteme werden kann.“ Denn das Ziel sei es, die Bundeswehr bis 2050 klimaneutral zu gestalten. Energieautonomie habe zudem einen weiteren Vorteil: „Die Bundeswehr ist dann unabhängig einsetzbar und weniger angreifbar.“


Konsens herrschte in zwei Punkten: Streitkräfte sollten erstens einen Beitrag zum Klimaschutz leisten, indem sie klimaneutral werden. Dies dürfe aber zweitens nicht dazu führen, dass die Schlüsselqualifikation des Militärs für Sicherheit zu sorgen, dadurch vernachlässigt werde. Bundeswehr und Streitkräfte seien nicht in erster Linie dazu da, Katastrophenschutz zu leisten. Hier sei der Primat des Zivilen zu berücksichtigen, führte die Wehrbeauftragte Frau Dr. Högl an. Allerdings wies Bayer beispielsweise daraufhin, dass sich die Streitkräfte künftig darauf vorbereiten müssten, gemäß dem Verursacherprinzip weltweit auch Katastrophenhilfe zu leisten. Vor dem Hintergrund, dass die Gleichzeitigkeit von Klimakatastrophen zunähme, so Klimaforscherin Vinke, stelle sich aber auch eine Existenzfrage, ob Anpassungsstrategien überhaupt ausreichten. Es gebe nämlich einen Hochrisikobereich jenseits der zwei Grad, in dem es nicht mehr gelingen werde, sich an den dann massiven Klimawandel anzupassen. „Wir stehen erst am Anfang. Jedes zusätzliche Zehntel Grad wird schlimmere Folgen haben.“

Einen weiteren Bericht zur Veranstaltung finden Sie beim zebis.

Autorin: Dr. Victoria Eicker

Fotograf: Koch (Bundeswehr) | Lau (zebis)

#GIDSnews | 10. November 2021