GIDS baut Kontakte in Südamerika aus

Klima, Kritische Infrastruktur und Sicherheit

Argentinien und Deutschland suchen in der sicherheitspolitischen Forschung neue gemeinsame Wege. Anknüpfend an die GIDS-Alumni-Tagung vom September 2018 „Kritische Infrastrukturen und Klimawandel – Herausforderungen für die Sicherheitspolitik: Südamerikanische Erfahrungen als Modell für Deutschland?“ luden mehrere Institutionen der Argentinischen Streitkräfte das GIDS zu einem Gegenbesuch nach Buenos Aires ein.

Das Thema „Klimawandel und dessen Auswirkungen auf die Verteidigungspolitik“ stand im Zentrum einer Konferenz, die von der Universidad de la Defensa Nacional (UNDEF) veranstaltet wurde. Prof. Dr. Stefan Bayer und Oberst i.G. Prof. Dr. Matthias Rogg brachten sich hier mit Vorträgen ein, ergänzt durch einen Beitrag zur argentinischen Position von Commodore (ret.) Tabolini. Die folgenden, sehr engagierten Diskussionen mit Wissenschaftlern und Angehörigen der Streitkräfte machten deutlich, dass die Rolle von Streitkräften hier neu und kreativ gedacht werden muss und dass dies eine drängende strategische Aufgabe darstellt.

Strategisches Denken im Bereich kritischer Infrastruktur aus  ökomomischer Perspektive

An der Escuela Superior de Guerra Conjunto de las Fuerzas Armadas (ESGC), der Schwesterakademie der Führungsakademie der Bundeswehr, konnte der Faden weiter gesponnen werden. Nach einer Vorstellung des GIDS durch Oberst Rogg folgte ein Impuls aus ökonomischer Perspektive zum strategischen Denken im Bereich der kritischen Infrastruktur in Deutschland durch Prof. Bayer.

Wie groß das Interesse an diesen Themen ist und wie hochkarätig die deutsche Delegation wahrgenommen wurde, zeigte sich in zwei nachfolgenden Vorträgen durch Hugo Dario Miguel (argentinischer Staatssekretär im Ministerium für Modernisierung) und Alberto Parodi (argentinischer Staatssekretär für Cyber Defence im Ministerium für Verteidigung). Beide Staatssekretäre zeichneten ein detailliertes Bild der aktuellen politischen Befassung mit der Thematik in Argentinien. Einmal mehr zeigte sich hier, dass nur vernetzte Ansätze strategisch erfolgreich sein können und wie essentiell dazu empirisch kritische Forschung ist.

Treffen mit LGAI-Alumni

Abgerundet wurde der Besuch durch eine Vorstellung der ESGC durch den Kommandeur Coronell Major Gabriel Camilli. Ausgesprochen hilfreich für den Besuch war der Rückgriff auf das Alumninetzwerk der FüAkBw, namentlich Capitan de Navio Carlos Falcone, Wissenschaftlicher Programmdirektor der ESGC und Absolvent des LGAI 2014 in Hamburg.

Besuch des Krankenhaus des Heeres

Beim Besuch des „Hospital Militar Central“, dem Zentralkrankenhauses des Argentinischen Heeres, trug Flottillenarzt Dr. Christian Haggenmiller vor medizinischem Fachpersonal zum Thema „Künstliche Intelligenz und sicherheitspolitische Implikationen im Bereich der Biosicherheit“ vor. Besondere Beachtung fand der Vortrag von argentinischer Seite nicht zuletzt, weil er auf Spanisch gehalten wurde. Auch hier ergaben sich in den anschließenden Diskussionen und Hintergrundgesprächen mit der Krankenhausleitung zahlreiche Anknüpfungspunkte für zukünftigen Informationsaustausch und mögliche Kooperationen.

Gedenkstätten- und militärhistorischer Museumsbesuch

Abgerundet wurden die Eindrücke durch Besuche ausgewählter Gedenkstätten und militärhistorischer Museen und Sammlungen, wie dem Museo de las Armas im Circulo Militar und dem kleinen aber exquisiten Museum des historischen Regiments „Grenaderos a Caballo“ der argentinischen Streitkräfte, dessen Auftrag mit dem des Wachbataillons der Bundeswehr vergleichbar ist.

Die dort gezeigte sehenswerte historische Sammlung stellt die Geschichte von General José de San Martín ins Zentrum, der wichtigsten militärischen Persönlichkeit im Freiheitskampf einiger Staaten Südamerikas Anfang des 19. Jahrhunderts. Mit großem Aufwand und viel Enthusiasmus pflegt Argentinien hier die Tradition seiner vergleichsweise jungen Streitkräfte.

In scharfem Kontrast zu den heroischen Geschichtsbildern stand zum Abschluss der Besuch der „Escuela de Mecànica Armada“ (ESMA), der Technikschule der Argentinischen Marine, die in der Zeit der Militärdiktatur 1976 bis 1983 als zentrale Einrichtung des Terrorregimes diente. Neuere Forschungen gehen davon aus, dass mehr als 30.000 Menschen, teilweise aus politischen Gründen, teilweise aber auch völlig willkürlich verschleppt, gequält und ermordet wurden. Die meisten dieser „desaparecidos“ sind bis heute spurlos verschwunden.

Die ESMA dient heute als Gedenkstätte mit angeschlossenem Dokumentationszentrum und Forschungsstelle. Allein weil bislang erst etwas mehr als ein Drittel aller Fälle untersucht werden konnte und weil die Ermittlungen und Prozesse gegen die Täter weiterhin laufen, ist eine Fortsetzung der Forschung zwingend notwendig. Angesichts des nationalen Traumas einer extremen Gewalterfahrung, in der die Streitkräfte eine bis heute nicht abschließend geklärte Rolle spielten, ist die Gedenkstätte in der ESMA ein herausragender geschichtspolitischer Lernort: ein Pflichttermin für jeden Besuch in Buenos Aires.

Ergebnis

In enger Absprache mit dem Militärattachéstab der Deutschen Botschaft unter der Leitung von Oberst i.G. Frank de Waele konnten die bereits bestehenden Kontakte intensiviert und ausgebaut und Möglichkeiten einer zukünftigen konstruktiven Kooperation ausgelotet werden. Das GIDS nimmt viele Eindrücke und Erkenntnisse mit nach Deutschland: ein spürbares Interesse und Anerkennung für die aktuellen Forschungsthemen im GIDS, die Chancen, die im Ausbau der internationalen Beziehungen liegen, die Wichtigkeit, politische Beratung an strategische Forschung zu knüpfen.

Das GIDS freut sich auf die weitere Zusammenarbeit.

Autor: Matthias Rogg