(Militärische) Führungsqualitäten ändern sich mit den zukünftigen Möglichkeiten und Herausforderungen

MCDC-Workshop in Madrid „Future Leadership“ diskutierte Anforderungen an zukünftige Führung

Ende Oktober fand im Rahmen der jährlich durch NATO ACT durchgeführten International Concept Development & Experimentation Conference in Madrid ein Workshop zu Future Leadership statt.

Der Workshop war Teil des gleichnamigen Multinational Capability Development Campaign (MCDC)-Projekts Future Leadership. Er wurde von Oberst i.G. Sönke Marahrens vom GIDS gemeinsam mit Wing Commander Colin West, UK Development Concepts & Doctrine Centre (DCDC), durchgeführt.

Das MCDC-Projekt Future Leadership ist eine Initiative zur Erforschung und zum Verständnis zukünftiger Anforderungen an Führungskräfte aufgrund sich wandelnder Einsatzumgebungen.

Die beiden Offiziere präsentierten zunächst den rund 25 Workshop-Teilnehmern aus mehreren NATO-Staaten und -Hauptquartieren die bisherigen Projektergebnisse.

(Militärische) Führung in verschiedenen Kontexten

(Militärische) Führung wurde in drei Kontexten diskutiert: Informationszeitalter, Mensch-Maschine-Zusammenarbeit und Grauzonen beziehungsweise (hybride) Umgebungen. Ein webbasiertes Tool ermöglichte es den Teilnehmern dabei permanent direkt zu den Präsentationen über Führungsgrundlagen, moralische Dilemmata und Hybride Bedrohungen beizutragen, wodurch das Engagement und die Interaktion der Teilnehmer signifikant anstieg.

Inhaltlich wurde diskutiert, wie die internationalen Tagungsteilnehmer persönlich „Führung“ definieren, Führungsstile wahrnehmen sowie Werte und Selbstverständnis einer Führungspersönlichkeit interpretieren.

Dabei war es das Ziel, Fragen für Führungskräfte zu entwickeln, um diese darin zu unterstützen, die neuen Herausforderungen an „Führung“ selbst erfassen und reflektieren zu können, anstatt konkrete Antworten zu liefern, die aufgrund der Komplexität und Vielfalt des Themas „‚Führung im 21. Jahrhundert“ nur spekulativ sein können. Hierzu wurden durch die Tagungsteilnehmer auch Erfahrungen aus ihren Ländern mit modernen Methoden der Führungskräfteentwicklung, wie 360-Grad-Beurteilungen, eine externe Command Climate Evaluation und ein Coaching für Führungskräfte eingebracht.

Führungsgrundsätze morgen

In der Diskussion wurde ebenfalls deutlich, dass neben den bisher – insbesondere im militärischen Bereich – gültigen Führungsgrundsätzen wie „Einheitlichkeit der Führung“ (Unity of Command) aufgrund der neuen hybriden Bedrohungen und der zunehmenden Vernetzung auch neue Verfahren wie „zweckgebundene Vereinigung“ (Unity of Purpose) entstehen. Diese treten nur für eine konkrete Problemstellung zusammen und lösen sich danach sofort wieder auf (Purpose oriented temporary Organizations). Damit wird u.a. vermieden, dass bestehende statische Führungsorganisationen mit jeder neuen Herausforderung weiter anwachsen.

Neun neue Führungsqualitäten wurden bereits im Vorfeld dieses Workshops erarbeitet.

Einer KI vertrauen dürfen oder müssen?

Als weitere Herausforderungen für Führungskräfte wurden die Entwicklungen und Akzeptanz im Bereich der Künstlichen Intelligenz (KI) und der Human Performance Enhancement (HPE) identifiziert. Hier ging es in der Diskussion u.a. um die Fragen, ob KI das Konzept „Vertrauen“ lernen kann und in welchem Umfang Führungskräfte den Ergebnissen von KI vertrauen dürfen oder müssen.

Weitere Diskussionen zu führungsrelevanten Themen betrafen Diversität, Autonomie, Ethik, Moral und die Frage der Bedeutung von Vorurteilen (bias).

Die Workshop-Teilnehmer nahmen dazu an interaktiven und praktischen Übungen teil, die szenariobasierten Diskussionen zu Themen ermöglichten, die von den NATO-Mitgliedstaaten unterschiedlich bewertet werden.

Zusammenfassend wurde insbesondere festgehalten, dass die heutigen Führungskräfte dafür verantwortlich sind, zukünftige Führungskräfte so auszubilden, dass diese in der Lage sind, Lösungen entsprechend der Komplexität zukünftiger unbekannter Umgebungen finden zu können.

Take Aways:

  1. Das MCDC Future Leadership-Team konnte erste Ergebnisse seiner MCDC-Studienarbeit vorstellen, testen und anpassen.
  2. Kommende neue Technologien und die damit einhergehenden sozialen Veränderungen fördern die Notwendigkeit, die (militärische) Führung anhand grundlegender Paradigmenwechsel und neuer konzeptioneller Herausforderungen neu zu bewerten. Notwendige neue oder zusätzliche Führungsqualitäten können dabei auch aus dem zivilen Umfeld abgeleitet werden. Neue hybride Bedrohungsszenarien erfordern aber auch, dass bewährte militärische Führungskonzepte in den zivilen Bereich „exportiert“ werden.
  3. Zusätzlich zu den bereits im Rahmen der MCDC WS erarbeiteten neun neuen Führungsqualitäten identifizierte die Gruppe als für die Zukunft wahrscheinlich notwendige Führungsqualitäten strategische Prognosefähigkeit, Beweglichkeit, Integrität, Fehlerkultur, organisationsübergreifendes Vertrauen und Risikomanagement.

Diese werden in den kommenden Workshops des MCDC Projekts Future Leadership in Madrid (11/2019), Wien (01/2020) und Hamburg (04/2020) ebenfalls mit evaluiert.

Autor: Sönke Marahrens

Beitragsbild: Adobe Stock

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