Resilienz mit Simulationen verbessern

Forum Zukunftsorientierte Steuerung

am 7. März 2019

Der Ungewissheit mit Wissen begegnen – dieser Ansatz bildete das Leitmotiv des diesjährigen Forums „Zukunftsorientiere Steuerung – Resilienz mit Simulation verbessern“. Ein klares Ziel, das uns jedoch vor große Herausforderungen hinsichtlich unserer Planungs- und Entscheidungsfähigkeit stellt. Aus diesem Grund fanden sich Simulationsexperten und Interessenten aus Wissenschaft, Wirtschaft und Militär in der Führungsakademie der Bundeswehr zusammen, um gemeinsam den Blick in die Zukunft und ihre Herausforderungen zu wagen. Der Veranstaltungskontext beim Militär verdeutlichte dabei schon eindrücklich, worum es bei diesem Forum ging: Möglichen Risiken durch Planungssicherheit vorbeugen. Im Fokus standen Risiken und Widerstandsfähigkeit im Spannungsfeld von Natur, Mensch und Technologie, die den aktuellen gesellschaftlichen Diskurs zeichnen: Aktuelle Entwicklungen in Klima, Digitalisierung, Globalisierung und Sicherheitspolitik. All jene fordern Handlungsfähigkeit, führen jedoch zu Überforderung aufgrund ihrer ambivalenten Trends und Erscheinungsformen. Dies wurde zum Anlass genommen, Resilienz und die Entwicklung intelligenter Planungsmethoden durch Simulationen auf dem Forum sektorübergreifend zu vertiefen und zu diskutieren.

Die erste Diskussion wurde durch Prof. Dr. Volker Grimm vom UFZ Leipzig und Professor für Theoretische Ökologie in Potsdam eingeleitet, dessen Vortrag einen Überblick über die Geschichte und Bedeutung des Resilienz-Konzepts in der Ökologie bot. Kern des Vortrages bildete der schmale Grat zwischen einer technischen sowie sozialwissenschaftlichen Interpretation ökologischer Systeme: Inwiefern reguliert sich Natur allein oder durch den Menschen? Wie beeinflussen sich Mensch und Natur gegenseitig? Fragen, die den Menschen bewegen, wenn es um seine Verantwortung hinsichtlich des Schutzes von Natur und nachhaltiger Verhaltensweisen geht. Prof. Dr. Grimm zeigte dabei anschaulich, wie sich der Zwiespalt zwischen Kontrollierbarkeit und Selbstorganisation ökologischer Systeme mit Hilfe agentenbasierter Simulationen besser verstehen lässt und Einsichten zur Bildung widerstandsfähiger Natur- und Lebensräume gewinnen lassen. Nur durch die Kopplung beider Systeme und der damit verbundenen Komplexität lassen sich demnach nachhaltige Konzepte für Mensch und Natur ableiten.

Das Forum hat das GIDS zusammen mit der Spitzner Consulting GmbH durchgeführt.


Mit freundlicher Genehmigung der Spitzner Consulting GmbH

Wie wirtschaftliche Resilienz durch Simulationen verbessert wird, wurde durch Hans Ehm, Lead Principal für Supply Chain Management der Infineon Technologies AG, erläutert. Sein Vortrag thematisierte die Herausforderungen der Halbleiterindustrie: der hohe Kapitalbedarf, kurze Produktlebenszyklen, komplexe und lange Produktionsprozesse, der marktübergreifende, globale Wettbewerb sowie die Bildung globaler Supply Chains. Die wirkungsvolle Verbindung von künstlicher Intelligenz mit kompetentem Wissens- und Innovationsmanagement durch menschliche Supply-Chain-Planer sei hierbei, so Ehm, unerlässlich. Gemeinsam bilden sie das Fundament widerstandsfähiger Unternehmen im globalen Wettbewerb. Zur Kompetenzentwicklung tragen agentenbasierte Simulationen bei, da sie Supply-Chain-Planer auf komplexe Szenarien, die ihren Eingriff erfordern, vorbereiten und Handlungsempfehlungen bieten. An dieser Stelle wurde erneut deutlich, dass sich nur schwer eine klare Antwort darauf finden lässt, inwieweit der Mensch sich von digitalen Entwicklungen abhängig oder von künstlicher Intelligenz ergänzen lassen will. Ehms Vortrag illustrierte jedoch, wie sich das Zusammenspiel von Mensch und Technologie erfolgreich realisieren lässt.

Das Ende des „langen Friedens“ ist nah – hierauf deuten aktuelle wissenschaftliche Zukunftsanalysen hin, die von Dr. Olaf Theiler vom Planungsamt der Bundeswehr auf dem Forum vorgestellt wurden. Eine Aussage, die hinsichtlich aktueller politischer Trends im Weltgeschehen nicht überrascht, jedoch so klar durch den Experten artikuliert eine angespannte Atmosphäre im Publikum erzeugte. Wie also widerstandsfähig agieren und den langen Frieden erhalten? Mit Szenariosimulationen, die Trends und resultierende Zukunftsbilder zeigen und dabei helfen, Entscheidungsfaktoren zu identifizieren. Es geht dabei vor allem darum, die Grenzen des eigenen Denkens und Vorstellungsvermögens zu erweitern und Dinge zu erkennen, die in unserem linearen Denken übersehen werden oder die wir nicht sehen wollen. Auf diese Weise, so Dr. Theiler, erzeugen wir Resilienz in unserer Denk- und Handlungsweise sowie in der Sicherheitspolitik – „Denken auf Vorrat“, wie ein Artikel im Spiegel es treffend zusammenfasste.

Mit seinem Vortrag zur Rolle von Simulationen in der Sicherung von Elektrizitätsnetzen rundete Dr. Bernd Benser, Geschäftsführer von GridLab GmbH, dem Europäischen Trainings- und Schulungszentrum für die Sicherheit elektrischer Netze, die Diskussion ab. Seine Auseinandersetzung mit Resilienz befasst sich mit der prekären Frage, was passiert, wenn der Strom weg ist. Welche Fähigkeiten muss das Personal von Stromkonzernen besitzen, um den Herausforderungen der Zukunft gerecht zu werden? Zur Steigerung der Sicherheit von Elektrizitätsnetzen nutzt Gridlab Simulationen, mit denen Systemstörungen, beispielsweise durch Naturereignisse, Angriffe oder Kriminalität verursacht, durchlaufen werden. Ihr Ziel ist es, menschlichem Versagen in realen Störfällen vorzubeugen und Stress-Resilienz in Form von Kommunikationsbereitschaft und Entscheidungsmanagement aufzubauen. Herausforderungen hierbei sind insbesondere die Integration erneuerbarer Energien, Digitalisierung und Automatisierung: Wie kann es Verantwortlichen erleichtert werden, ihrer enormen Verantwortung gerecht zu werden und mit welchen Mitteln und Fähigkeiten können wir größeren Schaden verhindern?

Neben dem Vortragsprogramm des Forums wurden auch mehrere Workshops angeboten. Markus Kneisel von der securiThon GmbH sprach über die Resilienz-Analyse von komplexen IT/OT-Strukturen und die dafür erforderliche Quantifizierung von Risiken. Oberstleutnant i.G. Thorsten Kodalle führte mit den Teilnehmern seines Moduls ein Planspiel zur Stärkung der Cyber-Resilienz durch. Selbstorganisierende Produktionssysteme standen bei Prof. Dr. Torsten Munkelt und Martin Krockert von der Hochschule für Technik und Wirtschaft Dresden im Mittelpunkt. Sie demonstrierten mit Live-Experimenten die Resilienz solcher Systeme, und verglichen sie mit herkömmlicher, zentral geplanter Produktion. Um Strategieentwicklung durch KI-gestützte Szenarien und Sentiment-Analysen ging es schließlich in einem Modul, das unter anderem von Dr. Christian Sellmann (Handelsblatt Research Institute) und Dr. Florian Klein (Deloitte Consulting) angeboten wurde. Sie zeigten, dass Strategieberatung mit Techniken wie Big-Data- und Sentiment-Analyse verbessert werden kann, etwa durch das frühzeitige Erkennen wichtiger strategischer Risiken.

Die verschiedenen Blickwinkel des Forums zeigten, dass Resilienz nur als ganzheitliches Konzept funktioniert und die unterschiedlichen Systeme hierbei synergetisch zusammenwirken. Erhöhte Widerstandsfähigkeit wird somit nur durch das geschickte Zusammenspiel von Natur, Mensch und Technologie erzeugt – und die Bereitschaft, den eigenen Blickwinkel zu erweitern und das System als Ganzes zu erfassen. Inwieweit bedarf Natur dem Eingriff des Menschen und inwieweit muss oder will sich der Mensch durch Technologie ersetzen lassen? Fragen und intensive Diskussionen der Forum-Teilnehmer verdeutlichten, dass unsere Bereitschaft, Realitäten ins Auge zu blicken und Veränderungen anzunehmen, bei der Entwicklung von Widerstandsfähigkeit eine zentrale Rolle spielen. Simulationen können in diesem Prozess eine wichtige Funktion übernehmen und großen Nutzen bieten. Die Überwachung der eigenen Resilienz wird so ein wichtiger Bestandteil eines ganzheitlichen Risikomanagements und dabei, der Ungewissheit mit Wissen zu begegnen.

Das Forum war eine gelungene Veranstaltung, die gezeigt hat, wie wichtig ein interdisziplinärer und sektorübergreifender Austausch für eine erfolgreiche, zukunftsorientierte Steuerung und die Bildung resilienter Organisationen ist. Das 2020 stattfindende 10. Forum „Zukunftsorientierte Steuerung“ wird daran anknüpfen und sich mit dem Thema „Strategische Entscheidungen fundiert treffen“ befassen.

Autorin: Lea Rüsch ist Doktorandin an der Kühne Logistics University in Hamburg.

Foto: ©Bundeswehr/Markus Schulze