„Wir müssen Grenzen ziehen – bevor Fakt wird, was gestern Fiktion war“

Flottillenarzt Dr. Christian Haggenmiller über Biotech in künftigen Konflikten

Was Flottillenarzt Dr. Christian Haggenmiller analysiert, sprengt mitunter die Vorstellungskraft. Der Offizier und Wissenschaftler vom German Institute for Defence and Strategic Studies setzt sich mit leistungssteigernden und -mindernden Programmen, Mitteln und Waffen auseinander. Die zunächst staubtrocken anmutenden Stichwörter heißen Optimisation (natürliche Optimierung), Enhancement (künstliche Steigerung) und Degradation (Herabsetzung). Welche Chancen und Risiken damit verbunden sind, untersucht Haggenmiller als Leiter einer Arbeitsgruppe der Multinational Capability Development Campaign. Im Interview spricht er über Biosensoren, Exoskelette sowie Schnittstellen zwischen Gehirn und Maschine. Das Gespräch haben wir anlässlich seines Vortrags bei #GIDSdebate, dem neuen Diskussionsforum im Monatstakt, geführt.


Sie leiten eine Arbeitsgruppe der Multinational Capability Development Campaign (MCDC). Was verbirgt sich hinter dem Namen?

Das MCDC ist eine multinationale Plattform unter Führung der USA. An dem Format beteiligen sich die NATO, die EU und 22 Staaten, darunter Australien, Japan, Kolumbien und die Schweiz. Organisatorisch laufen die Fäden beim US Joint Staff an der Ostküste der Vereinigten Staaten zusammen. Das MCDC greift sicherheitspolitische und militärische Trends auf, schätzt Folgen ab und zeigt mögliche Lösungen auf. Im Kern geht es darum, uns für die Zukunft zu wappnen; erreichen wollen wir dies, indem wir die streitkräfteübergreifende Zusammenarbeit verbessern. Deutschland hat bei zwei von neun Arbeitsgruppen den Vorsitz inne. Bei der AG Future Leadership sind wir zusammen mit Großbritannien im Lead. Die AG Human Performance Enhancement and Optimisation leitet Deutschland allein, vertreten durch das Planungsamt der Bundeswehr, die Sanitätsakademie der Bundeswehr und das GIDS. Ich selbst habe das Glück, mit meinen deutschen Kollegen dieser AG und damit einem multinationalen Expertenteam vorzustehen.

Warum brauchen wir Ihre Arbeitsgruppe? Warum ist das Thema wichtig?

Die Notwendigkeit ergibt sich auf der taktisch-operativen Ebene, bei der Zusammenarbeit mit anderen Streitkräften. Da kann es vorkommen, dass einige Nationen ganz legal, auf Basis ihrer nationalen Gesetze, leistungssteigernde Mittel oder Geräte verwenden, die bei anderen verboten sind. Zur Verdeutlichung konstruiere ich einmal ein Beispiel: Wenn die einen aufgrund von Medikamenten eine Woche lang durchkämpfen können, während die anderen diese Substanzen nicht nehmen dürfen und am fünften Tag nicht mehr imstande sind, Feuerschutz zu geben, entsteht offenkundig ein Ungleichgewicht. Vermeiden wollen wir das durch länderübergreifend akzeptierte medizinische und ethische Standards.

Unter Begriffen wie Enhancement und Optimisation kann sich der Laie kaum etwas vorstellen. Was ist darunter zu verstehen?

Während Optimisation sich meist auf natürliche Wege zur Leistungssteigerung beschränkt, geht es bei Enhancement um technische und pharmakologische Mittel. Hierzu ein Beispiel aus dem Sport: ausgewogenere Ernährung, mehr Willensstärke, besseres Training – das ist Optimisation. Doping und alles, was mich über mein biologisches Limit hinausbringt, ist Enhancement. Nimmt man Optimisation und Enhancement zusammen, reicht die Spannbreite von optimierter Ausbildung über hoch spezifische Waffen bis zu Implantaten. Was davon nutzbar ist und sein darf, dazu gibt es unterschiedliche Auffassungen. Auch um einen Konsens herzustellen, haben wir uns im MCDC mit Definitionen auseinandergesetzt. Kein leichtes Unterfangen, denn es besteht nur eine begrenzte Bereitschaft, Wissen über Optimisation und Enhancement zu teilen. Kaum jemand will einen Vorsprung verspielen. Gleichwohl ist die Zusammenarbeit dringend nötig.

Demnach wäre bereits ein Fernglas ein Enhancement. Das wirkt etwas beliebig …

Dass darunter Selbstverständlichkeiten fallen können, stellt in der Tat ein definitorisches Problem dar. So hat ein Taucher durch Druckluftflaschen einen künstlichen Fähigkeitsgewinn, aber niemand würde heute noch auf die Idee kommen, in dem Zusammenhang von Enhancement zu sprechen. Auch nicht bei Impfungen. Dagegen gelten Nachtsichtbrillen nach wie vor als Enhancement, erst recht Kontaktlinsen mit Nachtsichtfähigkeit, womöglich noch mit eingeblendeten Informationen. Wir gehen also mit der Zeit, irgendwann ist das bahnbrechende Enhancement gewöhnliche Ausrüstung. Selbst bei Exo-skeletten, Roboteranzügen zur Unterstützung des menschlichen Bewegungs- und Stützapparates, gibt es nicht immer Einigkeit. Manche sprechen von Enhancement, andere von einem Fortbewegungsmittel in der Art eines Autos. Klar ist jedenfalls: Enhancement stellt eine künstliche Befähigung dar. Verfügen potenzielle Gegner über einen derartigen Mehrwert, müssen wir davon Kenntnis haben und uns davor schützen können.

Wie steht es um Mittel und Wege, die Leistungsfähigkeit herabzusenken?

Mit Degradation beschreiben wir alles, was die Leistungsfähigkeit mindert, von der Verausgabung nach einem Sprint bis zur Bestrahlung mit Ultraschall oder Mikrowellen. Möglich sind zudem Manipulationen: Wer massenhaft Daten abfängt, die durch Biosensoren wie an Fitnessuhren generiert und gesendet werden, gewinnt nicht nur Einblick in die Konstitution und die kognitiven Fähigkeiten einer Person oder eines Kollektivs. Er kann auch physiologische Schwachstellen sowie Verhaltens- und Denkmuster ausspähen und darauf einwirken. Um Lücken in unserer Verteidigung festzustellen und unsere Resilienz zu erhöhen, bleibt in diesem Forschungsfeld viel zu tun. Zumal Angreifer zunehmend auf hybride Kriegführung setzen und damit auf die Kombination von klassischen Militäreinsätzen, wirtschaftlichem Druck, Hackerangriffen, Propaganda in den Medien und sozialen Netzwerken. Denkbar sind Degradationsmaßnahmen gegen Entscheidungsträger in Politik und Wirtschaft, die Bevölkerung oder ganze Armeen. Darauf müssen wir vorbereitet sein.

Worin besteht die größte Gefahr?

Ein ernstes Problem entsteht, wenn in relativ naher Zukunft Biotechnologie leichter handhabbar wird. Es bedarf dann nicht unbedingt hoch professioneller Forscher, um Viren, Bakterien oder Sporen derart zu modifizieren, dass sie globalen Schaden anrichten. Kriminelle oder terroristische Organisationen, eventuell unterstützt von Staaten, könnten in den Besitz von Biowaffen gelangen. Solche Szenarien müssen wir denken. Wir müssen Regeln und Instanzen schaffen, bevor Gestalt annimmt, was gestern noch Fiktion war. Gleichzeitig stellt die Biotechnologie einen wesentlichen Faktor sowohl für eine bessere menschliche Performanz als auch für die Gesundheit und Lebenserwartung dar. Vor allem aus zwei Gründen. Erstens ist alles digital basiert und somit schnell zugänglich und kostengünstig. Zweitens öffnet der 3-D-Druck die Türen zu neuen Sphären, denn prinzipiell lässt sich alles drucken, selbst ein funktionierendes Herz.

Alles hat seine Kehrseite. Welche Entwicklung zeigt das besonders deutlich?

Kommen Technik und menschliche Potenziale zusammen, eröffnen sich unglaubliche wie auch unabsehbare Möglichkeiten. Das gilt unter anderem für Brain-Computer-Interfaces (BCI), Schnittstellen zwischen Gehirn und Maschine. Dabei lassen sich über Gedanken, mentale Befehle, letztlich durch Konzentration, Computer und andere Systeme steuern. Auf diese Weise könnten Soldaten eines fernen Tages unbemannte Systeme ins Gefecht führen. Sicher, die gesamte BCI-Technologie steht erst am Anfang. Menschen mit einer hohen Querschnittslähmung, die bloß ihren Kopf bewegen oder nur sprechen konnten, hat man aber bereits in die Lage versetzt, einen Hilfsroboter zu steuern. Das gleicht dem Lernen einer Sprache oder komplexer Bewegungsabläufe: Man triggert die Gehirnzellen so, dass durch Üben die Bewegungen zusehends flüssiger ausfallen. Eine bahnbrechende Hilfe. So viel zum Verfahren mit Kommandos an die Maschine. Zukunftsmusik ist die Übermittlung von Impulsen und Informationen an das Gehirn. Der Spielfilm Matrix zeigt das exemplarisch: Die Hauptfigur, Neo, bekommt ein Kabel reingesteckt, wird programmiert und speichert Wissen ab. Noch ist das Science-Fiction, die Wege zum Science-Fact sind aber erkennbar.

Das macht eher Angst als Hoffnung …

Der Fantasie sind eigentlich keine Grenzen gesetzt – im Guten, aber eben auch im Schlechten. Was ist etwa, wenn ebenso ungehemmte wie enthemmte Forschung humane und tierische Gene kreuzt? Und sich nicht auf eine Hybridisierung beschränkt, bei der tierische Substanz dem menschlichen Körper nutzt, zum Beispiel in Form von Insulin oder Herzklappen vom Schwein? Um es in aller Deutlichkeit zu sagen: Ich analysiere, sensibilisiere und stelle die extrem dynamischen, teils brisanten Entwicklungen zur Diskussion, heiße sie aber nicht gut. Weder als Wissenschaftler noch als Staatsbürger in Uniform. Wenn ich bewerte, dann auf Grundlage unseres Grundgesetzes. Für mich ist immens wichtig, dass wir das Vordringen in Grauzonen und darüber hinaus verhindern. Dazu brauchen wir in Deutschland und international eine öffentliche Debatte. Als Wissenschaftler sind wir für eine faktenbasierte Grundlage zuständig und stehen als Experten zur Seite.

Welchen militärischen Beitrag können wir leisten, um die Kontrolle zu behalten?

Ohne dass ich meiner Arbeitsgruppe beim MCDC vorweggreifen möchte: Ich empfehle dringend die Schaffung eines multinationalen, interdisziplinären Zentrums zur Beobachtung und Bewertung potenzieller Gefahren. Das enorme Feld der Biotechnologie wird unsere Gesellschaften massiv beeinflussen und ein wesentliches Element künftiger Kriege sein. Dem müssen sich unsere Streitkräfte stellen und die Chancen wie Risiken analysieren. Was lässt sich auf ethisch-rechtlich gesichertem Fundament nutzen? Was ist nur ein Hype, was tatsächlich gefährlich? Wie sind Verwundete mit implantiertem Enhancement zu behandeln? Damit müssen wir uns beschäftigen. Nicht umsonst führt die NATO die Biotechnologie in der Liste ihrer Topthemen.

Wo steht die Bundeswehr?

In der Erprobung sind Exoskelette. Die Bundeswehr prüft ihren Einsatz in der Logistik und Instandhaltung. Sie steigern die Leistung und Ausdauer der Nutzer, reduzieren die körperliche Belastung und sind somit ein Enhancement. Auch für Infanteristen könnte das überaus hilfreich sein. Zeitweise müssen sie Ausrüstungsgegenstände mit einem Gesamtgewicht von 60 Kilogramm oder mehr tragen. Wir können davon ausgehen, dass andere Staaten wesentlich mehr Geld in Optimisation, Enhancement und Degradation stecken, als wir das tun. Andere Nationen haben eben weniger Scheu vor manchen Entwicklungen, ein anderes ethisches und juristisches Verständnis. Um vor die Welle zu kommen, um abwehrbereit zu sein, müssen wir mehr Fahrt aufnehmen und die Szenarien durchdenken, auch im Austausch mit Wirtschaft und Wissenschaft.

Der aktuelle MCDC-Zyklus endet im Dezember. Wie geht es weiter?

Unsere Arbeitsergebnisse publizieren wir noch in diesem Jahr, zunächst innerhalb des MCDC, anschließend für die Öffentlichkeit. Die Relevanz hat das MCDC erkannt und beabsichtigt für den Zyklus 2021/ 22, unser Projekt erneut auf die Agenda zu setzen. Das Thema ist und war kein rein militärisches, aber es betrifft das Militär – als Anwender und als potenzielles Ziel. Treiber der Entwicklungen bleibt der zivile Sektor. Nehmen Sie nur die Firma Neuralink des Tech-Unternehmers Elon Musk, die das menschliche Gehirn per Implantat und Bluetooth mit Smartphone und Cloud verbinden will. Renommierte US-Universtäten, die daran forschen, Alterung rückgängig zu machen. Oder Wissenschaftler in China, die embryonales Erbgut mithilfe der Genschere Crispr/Cas so verändern wollten, dass eine Erkrankung an HIV auszuschließen ist. Gerade der letztgenannte, völlig zu Recht mit einem internationalen Aufschrei der Empörung quittierte Fall führt doch vor Augen: Wir müssen für mehr Transparenz sorgen, unmissverständliche Grenzen ziehen und einhalten. Grenzen mit einem universellen Maßstab: Die Würde des Menschen ist unantastbar.


Zur Person

Flottillenarzt Dr. Christian Haggenmiller arbeitet am GIDS als Wissenschaftlicher Referent für Gesundheit und Sicherheitspolitik. Daneben berät er als Experte für Notlagen im internationalen Gesundheitswesen die Weltgesundheitsorganisation (WHO). Zuvor war der studierte Mediziner und Taucherarzt unter anderem als NATO-Analyst tätig.


Zur Sache

Das GIDS ist der strategische Thinktank der Bundeswehr. Wie keine zweite Einrichtung in Deutschland bündelt die Denkfabrik mit Sitz in Hamburg militärische und wissenschaftliche Expertise. Das GIDS forscht im Schwerpunkt zu Strategien, Geopolitik, Konflikte, Kultur und Identität. Getragen wird das Institut durch die Kooperation der Führungsakademie der Bundeswehr und der Helmut-Schmidt-Universität / Universität der Bundeswehr Hamburg.

Autor: Mario Assmann

Foto: Lene Bartel