Ein Staat, eine Armee

30 Jahre sind in Bezug auf die Menschheitsgeschichte noch nicht einmal ein Wimpernschlag. Doch für einzelne Menschen kann es eine lange Zeit sein. Seit dem Fall der Mauer sind nur 30 Jahre vergangen. Und doch: Es scheint eine Ewigkeit her, dass sich Deutschland nach Jahren der Teilung wiedervereinigte. Sich trotzdem noch einmal auf diese Momente einzulassen, noch einmal Gänsehaut zu bekommen ob dieses historischen Moments, das konnte man jüngst an der Führungsakademie der Bundeswehr bei der Tagung „30 Jahre Armee der Einheit – eine Erfolgsgeschichte?“ erleben. Und neben der Gänsehaut gab es viele interessante Erkenntnisse und Einblicke rund um die Frage: Gibt es sie wirklich, die Armee der Einheit?

Es war nicht nur die deutsche Wiedervereinigung, die 1990 zu einem markanten Kapitel in den Geschichtsbüchern wurde. Auch die Militärgeschichte wurde mit der gleichzeitigen Auflösung der Nationalen Volksarmee (NVA) und dem Aufbau der Bundeswehr in den neuen Bundesländern mit Übernahme weiter Teile der NVA um ein Kapitel reicher. Das Ergebnis wird heute gern und positiv besetzt „Armee der Einheit“ genannt. Aber ist „Armee der Einheit“ ein tragbarer Begriff? Ist die „Armee der Einheit“ in der Geschichte beispielgebend? Hier gingen die Meinungen auseinander. Der Lehrgang für Generalstabs-/Admiralsstabsdienst National 2019 (LGAN) hatte gemeinsam mit dem German Institute for Defence and Strategic Studies (GIDS) die Tagung organisiert. Dem Projektteam des LGAN gelang dabei etwas Besonderes: Die Tagung zeichnete sich durch eine dynamische Mischung aus Zeitzeugen und Wissenschaftlern aus. Zu den überraschenden Momenten gehörte auch die musikalische Untermalung der von Stabsfeldwebel Guido Rennert komponierten „Wir sind das Volk – Freiheitssinfonie“. Viele Teilnehmer wurden durch die darin eingebetteten musikalischen Zitate auf ganz eindringliche Weise auf eine Zeitreise in die eigene Geschichte mitgenommen.

Dr. Peter Tauber, Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesministerium der Verteidigung,
begrüßte per Videobotschaft zur Veranstaltung
„30 Jahre Armee der Einheit – eine Erfolgsgeschichte?“

„War mein ganzes Leben vergeblich?“

Dr. Peter Tauber, Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesministerium der Verteidigung, eröffnete die Tagung via Videobotschaft und betonte, dass das Gelingen einer „Armee der Einheit“ zu jener Zeit alles andere als sicher war. Heute wisse man: „Die Wiedervereinigung und die Armee der Einheit sind ein Erfolg“. Als Zeitzeuge blickte der 12. Generalinspekteur der Bundeswehr, General a. D. Hans-Peter von Kirchbach, auf diese ersten Jahre nach der Wiedervereinigung 1990 zurück. Am 3. Oktober übernahm die Bundeswehr das Kommando über das Personal und Material der ehemaligen NVA. Die organisatorischen und logistischen Herausforderungen waren enorm, so General a.D. von Kirchbach, der in diesem Prozess von Anfang an eine bedeutende Rolle spielte: „Aber natürlich ging es in erster Linie auch um den Umgang mit den Menschen“, erinnerte er sich. Viele Offiziere der NVA begegneten ihm mit den Worten: „War mein ganzes Leben vergeblich? Werde ich einen Platz in der Bundeswehr finden?“ Es war nicht nur die Mammutaufgabe, die NVA aufzulösen und die Bundeswehr im Osten aufzubauen, „die Menschen wurden auch unserer Fürsorge anvertraut“. Diese Aufgabe sei nur gemeinsam zu bewältigen gewesen – „mit Verstehen und Vertrauen“. Denn zumindest für die eine Seite war das Weltbild teils zerrissen.

Eine andere Perspektive brachte Oberst Ralf Malzahn, derzeit General der Heeresaufklärungstruppe am Ausbildungszentrum Munster, ein. Malzahn ist seit 38 Jahren Soldat, davon war er acht Jahre Soldat der NVA. Der Umbruch 1990 war für ihn eine Zeit der Unsicherheit – es sei ein „Tasten in die Zukunft“ gewesen. Die Erinnerungen an die ersten Tage seien nicht nur gut gewesen. Doch ihm zeigten sich auch die positiven Seiten: „Vertrauen, Freiräume, Führen mit Auftrag“ – das habe er so vorher nicht gekannt. „Es gab diesen Willen, die Bundeswehr im Osten aufzubauen.“ Wie bei vielen Offiziere der NVA, bröckelte auch bei Malzahn erst 1989 der Glaube an den eigenen Staat. Malzahn hatte einen Eid auf die DDR geschworen. Auf die Frage, wie er denn zu diesem Eid gestanden habe, sagte der Offizier: „Einen Eid schwört man zuallererst vor dem Gewissen. Das Gewissen wird geprägt durch das Weltbild und die Werte“. Dann kamen aber Erkenntnisse, die seine Sichtweisen infrage gestellt und es ihm ermöglicht haben, in eine andere Richtung zu schauen.


Sowohl Zeitzeugen als auch Wissenschaftler bereicherten mit ihren Erfahrungen und Forschungsergebnissen die Veranstaltung. Am Ende kamen sie alle in einer Podiumsdiskussion zusammen

Aus Finnland zugeschaltet

Nach den beiden Zeitzeugen blickte Oberst a.D. Prof. Dr. Winfried Heinemann aus militärhistorischer Perspektive auf den Begriff „Armee der Einheit“. Die am Willen seiner Bürger gescheiterte DDR trat am 3. Oktober der Bundesrepublik bei. Und auch die NVA sei zu einem gewissen Teil in der Bundeswehr aufgegangen. Somit sei der Begriff „Armee der Einheit“ nicht ganz zutreffend. Heinemann wies darauf hin, dass es bereits vor 1989 Bestrebungen innerhalb der NVA zu einer Reformierung gegeben habe, die aber von der damaligen Regierung verhindert worden sei. Insofern sei kurz auch der Gedanke eines Fortbestehens der NVA aufgekommen. „Die NVA wäre aber eine Armee ohne Bündniskontrolle gewesen“. So gab es nur einen Weg: „Ein Staat, eine Armee.“ Dieses Projekt sei durchaus eine historische Aufgabe gewesen – zudem es praktisch keine Vorbereitungszeit gab. „Generale, Berufssoldaten über 55 und alle, die für das Ministerium für Staatssicherheit gearbeitet hatten, wurden nicht übernommen.“

Heinemann betonte, dass die ersten Auslandseinsätze der Bundeswehr ohne das Gerät der NVA nicht möglich gewesen wären. „Dazu brauchte man aber auch die Soldaten, die das bedienen konnten.“ Militärhistorisch, so sagte er, spiele die NVA aber keine Rolle für die Bundeswehr. Ähnlich äußerte sich der aus Finnland zugeschaltete Militärhistoriker Oberstleutnant d. R. Dr. Agilolf Keßelring. „Eine Armee der Einheit hat es nie gegeben, die NVA war eine Hilfsarmee der territorialen Sowjetarmee. Es gab keine Integration der NVA in die Bundeswehr“, sagte er. Er bezog sich dabei auf die Tatsache, dass die NVA aufgelöst wurde und die Bundeswehr in den neuen Bundesländern aufgebaut wurde. Das eigentliche strategische Großereignis jener Zeit sei indes der Abzug der Sowjetarmee gewesen. 340.000 Soldaten wurden allein aus der DDR zurückverlegt. Keßelring plädierte dafür, sich nicht nur auf die deutsch-deutsche Geschichte zu konzentrieren. „Das ist zu kurz gefasst.“

Realität oder Rhetorik?

Eine soziologische Perspektive brachte Dr. Nina Leonhard vom Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr (ZMSBw) in die Tagung ein. Sie interviewte von 2002 bis 2008 ehemalige Soldaten der NVA und untersuchte die individuellen Berufsbiographien. Dabei berücksichtigte sie auch die Folgen des Übernahmeprozesses auf das Denken und die Weltsicht der Soldaten. Die anschließende Podiumsdiskussion wurde noch erweitert durch den Militärhistoriker Oberstleutnant Dr. Thorsten Loch, ebenfalls vom ZMSBw. Klaus Pokatzky moderierte frisch und spitzfindig rund um die eigentliche Frage: Armee der Einheit – Realität oder Rhetorik? Für Zeitzeugen wie von Kirchbach und Malzahn ist die „Armee der Einheit“ ein mit Leben gefüllter Begriff und auch ein geglückter Prozess.  Soziologin Leonhard unterstrich, dass der Begriff vor allem eine Selbstbeschreibung der Bundeswehr ist: „Es ist ein Beispiel für eine gelungene Symbolpolitik.“

Oberst i.G. Prof. Dr. Matthias Rogg vom Vorstand des GIDS zog am Ende die Fäden zusammen. „Es ist wichtig zu wissen, was die DDR war, schon allein um die Bundesrepublik zu verstehen. Und auch um allen entgegenzutreten, die die Bundesrepublik als ‚DDR 2.0‘ diffamieren. Ob die DDR ein Unrechtsstaat war, darüber diskutieren die Historiker bis heute- aber auf jeden Fall war sie eine Diktatur.“ Die Frage, ob die NVA als Ganzes traditionswürdig sein kann, verneinte Rogg entschieden: „Als Parteiarmee kann sie es nicht.“ Aber die Angehörigen der NVA haben nach der ersten und einzigen freien Volkskammerwahl am 18. März 1990 loyal agiert „und niemand kam auf die ernsthafte Idee zu putschen.“ Über die historische Einordnung dieser Leistung werde leider oft hinweggesehen – auch darüber müsse mehr diskutiert werden. Von Kirchbach sagte, dass er einmal von einem ehemaligen NVA-Soldaten gefragt wurde: „Ist es nicht schön, dass wir heute zusammenstehen.“ Ja, in der Tat: ist es nicht schön?

Autor: Victoria Eicker

Fotos: Lene Bartel/ Torsten Kraatz

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