Krieg um Bergkarabach

Oberstleutnant Michael Karl erörtert bei #GIDSdebate Folgerungen, Schlüsse und notwendige Reformen

„Der jüngste Krieg um Bergkarabach hat Experten weltweit in zwei Punkten überrascht“, sagte Oberstleutnant Michael Karl, wissenschaftlicher Referent am German Institute for Defence and Strategic Studies. „Zum einen hat der Kampf mit und gegen Drohnen gezeigt, wie leistungsfähig Drohnen bereits sind“, erläuterte er; aber auch die Diversität der elektronischen Kampfmittel und Aufklärung sei bemerkenswert gewesen. Über Folgerungen, Schlüsse und Reformen für die Bundeswehr sprach der erfahrene Offizier bei der jüngsten #GIDSdebate.

Massen an Drohnen, elektronische Kampfführung und multispektrale Sensorik für eine verbesserte Aufklärung – das moderne Gefechtsfeld hat sich massiv verändert. Der Konflikt in Bergkarabach, der im Sommer 2020 erneut aufflammte, ließ Militärexperten aufhorchen. „Seit geraumer Zeit gibt es in fast allen Staaten strategische Planungen für die Anpassung der Landstreitkräfte an ein komplexeres Aufgabenspektrum, unter den Bedingungen von Multi-Domain-Operations und unter Einbeziehung qualitativ neuwertiger Waffensysteme“, bemerkte Oberstleutnant Karl. „Nun hat der Krieg in Bergkarabach Thesen untermauert, Trends bestätigt und Phänomene deutlich gemacht.“

Die Auseinandersetzungen in Bergkarabach zeichneten – wie schon die Kriege in Syrien und Libyen – ein neues Bild in Bezug auf den Einsatz von bewaffneten Drohnen. Die vernichtende Wirkmacht der Drohnen habe sich dort in den hohen Verlustzahlen manifestiert. Daraus müssten nun die richtigen Ableitungen gezogen werden, um die eigenen Streitkräfte bestmöglich auszustatten und vorzubereiten. Man wisse beispielsweise, dass das bekannte russische Militärmanöver Zapad 21 gemeinsam mit Weißrussland durchgeführt und zu 80 Prozent Drohnenabwehr und –angriffe üben werde – auch im maritimen Bereich. „Der Einsatz von Drohnen ist ein Phänomen, das man nicht mehr wegdiskutieren kann“, sagte Karl.


Drohne als Waffe des kleinen Mannes

Oberstleutnant Michael Karl

Der Oberstleutnant veranschaulichte an Beispielen, wie leicht es mittlerweile sei, Drohnen zu erlangen. Insbesondere in China und der Türkei sei der Markt bereits außerordentlich vielfältig – von ganz klein bis zu groß mit einer Reichweite von mehr als 4000 Kilometern und der Befähigung zu einer Nutzlast von bis zu 200 Kilogramm. „Man braucht nicht viel Fantasie, um sich auszumalen, was man damit alles machen kann. Die Drohne ist mittlerweile zur Waffe des kleinen Mannes geworden“, betonte Karl. Man könne beispielsweise einen kleinen Schwarm streichholzschachtelgroßer Drohnen im Handel kaufen, geeignet zum Auskundschaften aber auch zum Verbringen von Sprengstoff oder chemischer oder biologischer Kampfmitteln. Rund zwölf US-Dollar koste eine dieser Drohnen. Zu kaufen sind sie im 60er Pack – da käme man auf eine Summe von 720 US-Dollar. „Damit kann man viel Schaden anrichten. Wenn ein Drohnenschwarm einen Infanteriezug im Wald überrascht, hören die noch nicht einmal ihren eigenen Tod kommen“, sagte er. Welche neuen Handlungsoptionen die relativ kostengünstigen und hoch effizienten Drohnen dem internationalen Terrorismus eröffneten, dürfe nicht außer Acht gelassen werden. „Hier führt die Entwicklung weg vom Selbstmordattentäter hin zur Kamikazedrohne“.


Enormer Nachholbedarf

„Wir müssen uns tatsächlich die Frage stellen, wie wir uns vor diesen neuen Szenarien schützen können“, gibt der Experte für moderne Kriegsführung zu bedenken. Für Soldatinnen und Soldaten bedeute das, dass sie verwundbarer sind. Der Tod komme überraschend aus der Luft, ohne Vorwarnzeit. Viele Drohnen könnten nicht mehr lokalisiert werden. Und vor allen Dingen: Anders als Artilleriebeschuss verfolge die Drohne aktiv ihr Ziel.

Auch die Aufklärmöglichkeiten der elektronischen Kampfführung haben sich enorm entwickelt. „Das moderne Schlachtfeld hat sich technologisch extrem verändert. Und am Ende sind es die Bodentruppen, die die Entscheidung bringen“, sagte Karl. Der Uniformierte steht dabei am harten Ende. Aus dieser Erkenntnis ergebe sich ein massiver Nachholbedarf bei der Ausstattung und Anschaffung aber auch bei der Auswahl und der Ausbildung des Personals. „Zudem brauchen wir einsatzgerechte Übungen und Schulungen, die diesen neuen Technologien Rechnung tragen.“ Das derzeitige Delta zwischen der hochentwickelten Drohnen-Technik und der veralteten Flugabwehrtechnik müsse schnellstmöglich geschlossen werden. „Wir müssen der Drohnenabwehr mehr Aufmerksamkeit schenken, sei es elektronisch, mit Schall oder mit SkyNet, also spezielle Schrotmunition gegen Drohnen. Außerdem müssen wir die Bodentruppen wieder mit Luftaufklärung sowie -abwehr ausstatten“.


Wirkung, Schutz und Aufklärung

Oberstleutnant Karl stellte die provokante Frage: „Hätte die Bundeswehr in ihrer gegenwärtigen Struktur und Ausrüstung in einem Szenario wie in Bergkarabach bestehen können?“. Die Antwort: ein klares Nein. Die Analyse des Krieges in Bergkarabach habe gezeigt: „Unsere Verbände sind zu schwerfällig für das moderne Gefechtsfeld.“ Durch ihre schiere Größe und Langsamkeit seien sie leichter aufzuklären und in ihrer Ausdehnung kaum durch bewegliche Luftabwehr und elektronische Kampfführung zu schützen. Karl stellte mehrere Fähigkeiten für das hochintensive, moderne Gefecht vor, die er für unabdinglich hält: „Wir brauchen Drohnen sowohl zur Aufklärung wie auch zum Kampf. Wir brauchen eine bodengestützte, mobile Heeresflugabwehr und zwar integriert in die Bodentruppen. Wir müssen zu Cyberoperationen befähigt sein und auch Sensorik und Datenaustausch müssen auf dem modernen Gefechtsfeld auf dem neuesten Stand sein. Wichtig ist aber auch, dass die elektronischen Systeme anschlussfähig und vernetzbar sind – Stichwort Interoperabilität.“ Es gehe um die Kernbereiche Wirkung, Schutz und Aufklärung. „Ohne bewaffnete Drohnen und ohne automatisierte und teilautonome Waffensysteme ist das nicht zu schaffen“, so der Oberstleutnant.


„Am liebsten Montag damit anfangen“

Sein Petitum in Bezug auf die Struktur der Verbände: leichter und vor allem kleiner. Er stellte die Idee kleiner Battle-Groups vor, die hochmobil und befähigt zum Gefecht der verbundenen Waffen auf dem Schlachtfeld der Zukunft seien. Eine Division ergäben seinem Vorschlag nach acht Battle-Groups mit je etwa 2500 Soldatinnen und Soldaten. „Unsere Verbände müssen kleiner, flexibler und mobiler werden; vor allem aber müssen sie zukünftig kriegstauglich und siegfähig sein.“ Es sei ein grundlegendes Umdenken notwendig: Die Verbände müssten nicht nur autark und schneller werden, sondern auch hinreichend vor neuen Bedrohungen geschützt und für unterschiedliche Einsatzszenarien gerüstet sein. Dazu bräuchten sie klassische hochmobile Elemente wie Panzer, Infanterie in gepanzerten Fahrzeugen sowie Distanzwaffen wie Rohrartillerie, Mörser, Boden-Boden-Lenkwaffen und bewaffnete Drohnen, außerdem Aufklärungsmittel in einem Werkverbund mit Elementen der elektronischen Aufklärung und Kampfführung. Ferner seien eine bodengestützte, mobile Luftabwehr sowie eine eigenständige Logistik einschließlich eigener sanitätsdienstlicher Versorgung wichtig. Alles mit dem Ziel, mehr Eigenständigkeit zu erlangen.

Ein wichtiger Aspekt war auch, die Stäbe in den Battle-Groups klein zu halten. „Stäbe sind meist schwerfällig und schnell aufgeklärt.“ Was bei der Anschaffung von neuen Technologien nicht vergessen werden dürfe, sei die Schulung und Ausbildung des Personals. „Es fehlen auch die Erfahrungen zum Führen solcher Battle-Groups, wir müssen das üben“. Bei einer möglichen Zeitlinie für die notwendigen Veränderungen wurde Oberstleutnant Karl sehr deutlich: „Ich würde am liebsten Montag damit anfangen“. Das System sei aber zäh, dennoch dürfe man jetzt nicht zehn Jahre über die Anpassungen an das moderne Kriegsbild diskutieren wie etwa bei der quälenden Diskussion um bewaffnete Drohnen. „Wir brauchen jetzt dringend Geschwindigkeit auf dem Hof“.

#GIDSdebate bringt Wissenschaftler, Offiziere, Unternehmer und Behördenvertreter zusammen. Das Forum am dritten Mittwoch eines jeden Monats umfasst jeweils ein Impulsreferat durch eine Expertin oder einen Experten, eine 30-minütige Diskussion und die Gelegenheit zum Netzwerken. Derzeit wird #GIDSdebate als hybrides Format veranstaltet, so auch am 16. Juni um 17 Uhr. Major Thomas Franke, Wissenschaftlicher Mitarbeiter am GIDS, spricht dann über Bio Cyber Security. Weitere Informationen sind per E-Mail an veranstaltungen@gids-hamburg.de erhältlich.

Autor: Dr. Victoria Eicker

Foto Porträt: Katharina Roggmann

Foto: Bundeswehr/Eifler

#GIDSdebate | 27. Mai 2021