Krise, Krieg und Kosten – wie man mit Simulationen schon im Vorfeld eine Schockstarre vermeidet

11. Forum Zukunftsorientierte Steuerung an der Führungsakademie der Bundeswehr

Autorin: Dr. Victoria Eicker

Foto: Bundeswehr / Katharina Roggmann

#GIDSnews | 7. April 2022

Brexit, Pandemie, Krieg – Mit dem Thema „Nach der Krise ist vor der Krise“ war das diesjährige Forum Zukunftsorientierte Steuerung am Puls der Zeit. Wie führt man Unternehmen, Institutionen, Konzerne durch disruptive Zeiten? „Zukunftsteuerung ist essentiell geworden, ein Must-have!“ Das sagte Brigadegeneral André Abed, Direktor Strategie und Fakultäten an der Führungsakademie der Bundeswehr, in seiner Begrüßungsrede. Sowohl in Wissenschaft, Wirtschaft wie auch Militär stehen die Menschen vor denselben Herausforderungen. Wie schütze ich mein Unternehmen, meine Institution vor vorhersehbaren aber auch unvorhersehbaren Risiken?

„Simulation spielt bei der zukunftsorientierten Steuerung eine wesentliche Rolle und das wissen wir auch beim Militär“, betonte Brigadegeneral Abed. Er erklärte, dass die Führungsakademie mit dem ressortübergreifenden militärischen Planspiel CERASIA mit ihren Spitzenkräften eine Live-Simulation für mögliche Szenarien eines eskalierenden Konfliktes und den dann nötigen Absprachen zwischen Ministerien und internationalen Organisationen durchführt. An diesem Planspiel nehmen neben den Lehrgangsteilnehmenden der Führungsakademie auch Gäste aus dem Auswärtigen Amt und beispielsweise dem Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz teil. „Mit dieser Übung lernen die Teilnehmenden ressortübergreifend in krisenhaften Szenarien nicht nur nationalen sondern auch internationalen Ausmaßes zusammenzuarbeiten und Entscheidungsgrundlagen zu schaffen“. Simulationen oder sogenanntes Wargaming spielt bei der Ausbildung des militärischen Personals generell eine entscheidende Rolle.

Simulation in der fertigenden Industrie

Aber nicht nur dort. Auch in Wissenschaft und Wirtschaft wird Modellierung und Simulation für fundiertere Entscheidungen genutzt. Einen Einblick in die Herausforderungen der fertigenden Industrie lieferte Dr. Marc Wiedenmann mit einem Blick auf die Risikokategorisierung in Liefernetzwerken. Die fertigende Industrie sei gerade in ihren Liefernetzwerken anfällig für Krisen wie den Brexit, die Pandemie oder nun den Krieg in der Ukraine. Es seien disruptive Ereignisse, die das Risiko für Verzögerungen und Ausfällen in Lieferantennetzwerken drastisch erhöhen. Aber es gäbe auch andere Risikomomente, wenn sich ein Unternehmen beispielsweise in einem Schlüsselprodukt nur auf einen einzigen Lieferanten abstütze und dieser plötzlich ausfalle. All das erfordere ein vorausschauendes Risikomanagement. Anhand verschiedener Beispiele erklärte Wiedenmann, dass man sich mit Simulationen und zukunftsorientierter Steuerung auf künftige Lieferengpässe und -ausfälle vorbereiten könne.

Zu bedenken sei, dass Störungen in den Lieferketten nicht nur zu finanziellen Einbußen führen könnten, sondern auch zu enormen Reputationsschäden. Es zähle zum Resilienz Management eines Unternehmens, sich durch das Lernen mit Simulationen besser auf mögliche Krisen ein- und sich daran angepasst aufzustellen. Zunächst müsse man Risiken identifizieren und anhand von möglichen Eintrittswahrscheinlichkeiten bewerten. Indem man Versorgungsrisiken mitverfolgt und die Risiken dadurch steuert, könne man Reaktionszeiten bei eintretendem Schadensfall deutlich verringern. Allerdings benötige das eine Transparenz in die Liefernetzwerke hinein. Erst damit könne man ein gutes datengetriebenes Risikomanagement generieren, das mit Hilfe von Simulationen dabei helfen könne, Risiken zu steuern.

Wenn die Gefahr digital kommt

Von ganz anderen Herausforderungen sprach Stefan Koppold, Risikomanager bei der TRATON Gruppe, der Volkswagen Holding über die LKW-Marken wie SCANIA oder MAN Truck & Bus. In seinem Erfahrungsbericht ging es um die nachhaltige Quantifizierung von Risiken im Bereich Cyberattacken. Koppold nutzte eine Cyber-Risiko-Simulation, um Defizite und Angriffsvektoren konzernübergreifend zu erkennen – mit dem Ziel einer Absicherung gegen Cyberattacken. Dabei entschied er sich mit seinem Team für einen eventgetriebenen Ansatz, um Cyberrisiken zu identifizieren. Jedes Tochterunternehmen – und das konzernweit – sollte dabei für seinen Bereich Szenarien von Cyberattacken erarbeiten und benennen. Simulationen dienten dazu, über die eigenen Risikovektoren zu lernen, aber ebenso wichtig sei der Dialog über Erkenntnisse und Handlungsstrategien.

Professor Dr. Stefan Bayer, Mitglied des erweiterten Vorstands und Leiter Forschung am GIDS, betonte, dass sich aus dem Krieg in der Ukraine nicht nur sicherheitspolitische Strategiefragen ergeben, sondern auch ökonomische. Der Energiepreisanstieg sei für viele Bereiche eine Herausforderung und Simulationen könnten helfen, der Situation mit fundierten Entscheidungen entgegen zu treten. In seinem Vortrag ging Bayer indes auf die Rolle der Bundeswehr als Versicherung bei gesellschaftlichem Präventionsversagen ein. Hier schaute er sich die sicherheitspolitischen Aspekte des Klimawandels an. Der Klimawandel werde nicht nur ökologische Risiken mit sich bringen, sondern durch Migration und mangelnde Ressourcenverfügbarkeiten auch sicherheitspolitische. Ihn interessierte insbesondere der Aspekt, dass Militär – nicht nur in Deutschland – in der Katastrophenhilfe insbesondere auch bei Klimakatastrophen eingesetzt werde. Allerdings sei das nicht der Kernauftrag von Streitkräften – eine Tatsache, die nach dem Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine derzeit sehr deutlich hervortritt.

Er ging auf die Begriffe Prävention und Intervention ein, sprich das Vorbeugen von krisenhaften Situationen oder die Beeinflussung einer laufenden Krise. In Bezug auf den Klimawandel sei eine vollständige Vermeidung nicht mehr möglich, sondern eine Anpassung wird erforderlich. Nicht nur hierbei sondern auch bei den Risiken des Klimawandels würden Simulationen eine gute Basis schaffen, auf der Entscheidungen getroffen werden könnten – wenn man es denn wolle. Aber Bayer warnte davor, die Bundeswehr als Garant für eine schnelle Lösung bei Katastrophen zu sehen, da es nicht ihr Kernauftrag sei. Wichtig sei es, resiliente Strukturen zu schaffen und die Fähigkeit, Störungen rasch festzustellen und zu beheben.

Resilienz – das neue Zauberwort

Tom Theisejans, IT-Notfallmanager beim Konzern der Deutschen Bahn, sprach zu Resilienz unter pandemischen Bedingungen. Wieso IT in einer rein analogen Lage viele Rollen spiele, erklärte der erfahrene Krisenmanager sehr plastisch in Analogie zum menschlichen Körper. Resilienz, die Widerstandsfähigkeit, Robustheit oder Anpassungsfähigkeit, betrachtete er anhand der ganz persönlichen Widerstandskraft des Körpers gegen Krankheiten und Störungen und setzte es dann in Bezug zur Resilienz im Cyberraum. Beim künstlichen Koma funktionierten nur die Grundfunktionen, aber das Gehirn wird entlastet. Das setzte Theisejans in Analogie zu einer plötzlichen Ausweitung des Home-Office, wie es während der Pandemie nötig wurde. Dies müsse vorbereitet sein und erfordere eine Menge Voraussicht. Sich der eigenen Robustheit und Widerstandskraft bewusst zu werden, erfordere eine gemeinsame Sprache, einen Konsens. Man könne Systeme nicht gegen jeden Angriff von außen schützen. Aber sich der Stärken und Schwächen des eigenen Systems bewusst zu sein und präventiv zu handeln, helfe, auf Störungen schnell und effizient agieren zu können.

Die Teilnehmenden des 11. Forums Zukunftsorientierte Steuerung konnten sich zudem in vier Workshops am Vormittag vertiefende Einblicke in die Thematik verschaffen. So leitete Prof. Dr. Martin Grothe, Geschäftsführer der complexium GmbH, das Modul „Offensivkampagnen und Desinformationsangriff aus Telegram-Dynamik und Hackerdaten“. Unternehmensberaterin Beate Krenzer diskutierte in ihrem Workshop über „Agiles Leadership – Mitarbeiter wirksam führen und entwickeln“. Tom Theisejans hielt nicht nur einen Vortrag, sondern sprach über „120 Prozent: Expect the Unexpected“ und verdeutlichte das mit einer Live-Simulation. Und schließlich widmete sich Dr. Nicole Zimmermann, Associate Professor am University College London, in ihrem Workshop der „Partizipativen Modellierung“, in dem sie die Teilnehmenden in die Erstellung eines Modells mit einband.

Das Forum Zukunftsorientierte Steuerung fand in diesem Jahr zum elften Mal statt. Es handelt sich um ein Kooperationsprojekt zwischen der Universität Stuttgart, der Spitzner Consulting und dem German Institute for Defence and Strategic Studies. Es fand zum achten Mal an der Führungsakademie der Bundeswehr statt und zum dritten Mal in Kooperation mit dem GIDS. Für 2023 ist die Fortsetzung der Veranstaltungsreihe geplant.