Mit Salutschüssen sowjetischer Panzer

Tagung 30 Jahre Armee der Einheit:
General a.D. Hans-Peter von Kirchbach über den Aufbau im Osten

Jahrzehntelang zeigten die Rohre nach Osten. In jeder Stellung am Vorderen Rand der Verteidigung war klar: Im Falle eines Falles greift der zahlenmäßig weit überlegene Warschauer Pakt an. Doch 1990 ging es in die andere Richtung – und die Bundeswehr überschritt die innerdeutsche Grenze. Der Auftrag: 90.000 Soldaten, 15.000 Waffensysteme und 2300 Liegenschaften der Nationalen Volksarmee (NVA) übernehmen. Das Kommando über die 9. Panzerdivision der NVA erhielt Hans-Peter von Kirchbach, damals Oberst und bis dahin Kommandeur der Panzerbrigade 15 in Koblenz. Mit dem späteren Generalinspekteur der Bundeswehr sprach unsere Redaktion am Rande der Tagung „30 Jahre Armee der Einheit – eine Erfolgsgeschichte?“. Zu der Veranstaltung an der Führungsakademie der Bundeswehr hatten der Lehrgang General- und Admiralstabsdienst National 2019 und das German Institute for Defence and Strategic Studies eingeladen.

Mauerfall, Wiedervereinigung und das Zusammenwachsen von Ost und West: All das war ein epochaler Umbruch. Und Sie mittendrin, mit der Verantwortung für Tausende Soldaten, die in der NVA gedient hatten. Wonach haben Sie als Mensch und militärischer Führer Ihren persönlichen Kompass ausgerichtet? Wie haben Sie Kurs gehalten?

Indem ich die Deutsche Einheit als Glücksfall betrachtet habe. Allein schon aus persönlichen Gründen, denn meine Familie stammt mit Masse aus Sachsen. Ich selbst bin im thüringischen Weimar geboren und aufgrund der Nachkriegswirren in Baden-Württemberg aufgewachsen. So konnte ich aus tiefstem Herzen nachvollziehen, was Altkanzler Willy Brandt im November 1989 meinte: Es wächst zusammen, was zusammengehört. Hierzu wollte ich einen Beitrag leisten, daher war ich froh und dankbar für die Aufgabe in Ostdeutschland.

Welche eigenen Ansichten mussten Sie revidieren, nachdem Sie Ihr erstes Kommando in den neuen Bundesländern übernommen hatten?

Von der NVA hatten wir das Bild einer homogenen Parteiarmee. Was wir lernen mussten, was auch ich lernen musste: Bricht man ein solches Bild auf das Individuum herunter, ist es nicht mehr haltbar. Dann geht es um Menschen, die sich in ihren Meinungen und Einstellungen, in ihrer Herkunft und Prägung unterscheiden. Dass die NVA keinen festgefügten Block bildete, lag zudem an den Umbrüchen in der DDR, angefangen bei den großen Montagsdemonstrationen. Das hatte seine Spuren hinterlassen und die Armee keineswegs unberührt gelassen. Folglich war die NVA des Jahres 1990 eine völlig andere als noch die von 1987 oder 1988.

Manche ehemaligen NVA-Soldaten standen ohne Halt da, für sie war ein Weltbild zusammengebrochen. Wie haben Sie das aufgefangen?

Wir sind in einen intensiven Dialog getreten und haben sie mit einer anderen Sicht der Dinge vertraut gemacht. Nicht bei allen war das erfolgreich, aber: Wenn der Bundeswehr wegen ihres Beitrags zur Einheit Lob gezollt wird, dann ist das in erster Linie ihrem Umgang mit den menschlichen Problemen zuzuschreiben. Einer, der das maßgeblich mitgestaltet hat, war der Befehlshaber des Bundeswehrkommandos Ost, Generalleutnant Jörg Schönbohm. Wir kommen nicht als Sieger zu Besiegten, sondern als Deutsche zu Deutschen, so lautete das Credo, das er uns mitgegeben hat – und das letzten Endes der Schlüssel zum Erfolg war.

Während der Tagung erwähnten Sie, dass Sie in Ostdeutschland „erschütternde Gespräche“ geführt haben. Worum ging es?

Das war noch vor der Wiedervereinigung, mit Offizieren der NVA. Diese Soldaten wussten: Mit der Nationalen Volksarmee, die ihr Leben war, geht es jetzt zu Ende. Damals habe ich eine erschreckende Perspektivlosigkeit wahrgenommen. Im Kern ging es um Fragen wie: War mein Leben vergebens? Kann ich unter den neuen Verhältnissen meine Familie ernähren? Sicher, das war erschütternd. Darüber sollten wir aber nicht die große Mehrheit der Ostdeutschen vergessen. Nach jahrzehntelangem Zwang freuten sie sich auf Freiheit, Gerechtigkeit, Besuche von und bei Verwandten im Westen, auf Auslandsreisen, ohne Angst offen reden zu können.

Sie haben zudem von einer zerfallenden Armee gesprochen. Was meinten Sie damit?

In der damaligen Übergangszeit hat der Soldat seine Pflicht eigentlich schon dadurch erfüllt, indem er in die Kaserne kam. Wirklich etwas tun konnte und musste er nicht. Die Wehrpflichtigen waren ja nur teils vor Ort, die Offiziere mit anderen Angelegenheiten befasst. Menschenunwürdige Unterkünfte, überraschende Disziplinlosigkeit und lethargische Vorgesetzte stellten anfangs ein großes Problem dar. In diesem Durcheinander mussten wir erst einmal Ordnung schaffen; lang gedauert hat das aber nicht. Ein Beispiel: Im Februar 1992, knapp ein Jahr nach Aufstellung der Heimatschutzbrigade 41 aus den Resten der 9. NVA-Panzerdivision, trug ich im Bundeskabinett vor und konnte darauf verweisen, dass wir inzwischen 3400 Grundwehrdienstleistende ausgebildet hatten. Mein damaliges Fazit: Wir sind mit diesen jungen Soldaten sehr zufrieden, sie sind leistungsbereit und die Disziplin wird zusehends besser.

Welche Begegnung oder Begebenheit hat sich in Ihr Gedächtnis eingebrannt, weil sie symbolisch für die Armee der Einheit steht?

Da fällt mir vieles ein. Einmal sagte mir ein junger Soldat aus Mecklenburg-Vorpommern: Wäre er ein wenig früher eingezogen worden, hätte ihn die NVA dazu ausgebildet, mich als Feind zu sehen. Auf meine Schilderung von unserer geplanten Verteidigung im Hessischen Bergland entgegnete der junge Mann: Ist es nicht toll, dass wir nun friedlich zusammen sind? Eine beeindruckende Begegnung. Ein Erlebnis war auch meine Beförderung zum Brigadegeneral. Vermutlich bin ich der einzige Offizier der Bundeswehr, der hierzu Salutschüsse aus T-72-Kampfpanzern bekam; natürlich ohne scharfe Munition (lacht). Und dann der Blick in das Materiallager der 9. Panzerdivision der NVA. Dort standen rund 300 Kampfpanzer – etwa so viele, wie die Bundeswehr heute insgesamt hat.

Das war der Blick zurück. Wenn Sie nach vorn schauen: Welche Fragen sind offengeblieben und noch zu beantworten?

Im Wesentlichen ist das Projekt Armee der Einheit abgeschlossen, die Herkunft aus Ost oder West spielt in der Bundeswehr keine Rolle mehr. Da sich eine Armee ständig wandelt, geht es nun um andere Fragen: Wie verhalten wir uns zu den Auslandseinsätzen? Wie stehen wir zu der wieder wichtiger gewordenen Landes- und Bündnisverteidigung? Wenn Sie mich fragen, ob das Projekt Armee der Einheit eine Erfolgsgeschichte ist, antworte ich mit einem klaren Ja. Trotz aller Probleme, die wir hatten; trotz aller Rückschläge, die wir hinnehmen mussten. Das war ja keine Kette ununterbrochener Erfolge, sondern eine riesige Anstrengung vieler Menschen – aus allen Teilen unseres Landes, um das klar zu sagen. Ohne die Soldaten aus Ostdeutschland hätten wir das kaum geschafft. Jedenfalls kann die Bundeswehr stolz sein auf das Zusammenwachsen von Ost und West. Ich bin zutiefst dankbar, dass ich dies erleben durfte.


Zur Person
General a.D. Hans-Peter von Kirchbach war von 1999 bis 2000 Generalinspekteur der Bundeswehr. Zuvor kommandierte er unter anderem das IV. Korps in Potsdam, die 14. Panzergrenadierdivision in Neubrandenburg und 4000 Soldaten der 9. Panzerdivision der NVA in Eggesin. Nationale Bekanntheit erlangte von Kirchbach während der Oderflut 1997, als er den Einsatz von 30.000 Soldaten führte. Nach seinem Ausscheiden aus den Streitkräften war der heute 79-Jährige von 2002 bis 2013 Präsident der deutschen Johanniter-Unfall-Hilfe.

General a.D. Hans-Peter von Kirchbach

Autor: Mario Assmann

Fotos: Lene Bartel

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