Prompt Global Strike: Nuklearträger für konventionelle Schläge

Hauptmann Severin Pleyer erörtert bei #GIDSdebate die Folgen eines missverständlichen Konzepts

Die USA sahen sich zu Zeiten der Bush-Administration am Anfang des 21. Jahrhunderts mit der Herausforderung konfrontiert, konventionelle Abschreckung gegen nichtstaatliche terroristische Akteure und sogenannte Schurkenstaaten sicherzustellen. Es sollte eine Möglichkeit geschaffen werden, gegen eine Bedrohung schnell ohne den Einsatz von Nuklearwaffen reagieren zu können. In seinem Vortrag „Prompt Global Strike – Die Konventionalisierung nuklearer Abschreckung“ skizzierte Hauptmann Severin Pleyer, Forscher am GIDS und wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Politikwissenschaft an der Helmut-Schmidt-Universität / Universität der Bundeswehr Hamburg, wie das Konzept Prompt Global Strike missverstanden wurde – und welche Gefahren sich daraus für die Strategie der nuklearen Abschreckung bis in die Gegenwart ergeben.

Prompt Global Strike lag die Vermutung zugrunde, dass sich insbesondere verantwortungslose Regime nicht durch nukleare Vergeltungsdrohungen abschrecken lassen, legte Pleyer dar. Daher wollten die USA Trägersysteme, die eigentlich für den Einsatz von Nuklearwaffen vorgesehen waren, mit konventionellen Sprengköpfen bestücken. Eine konventionelle Abschreckung sollte zudem die operativen und strategischen Optionen erweitern und den Einsatz eigener Bodentruppen möglichst vermeiden. Potenzielle Ziele sollten Kommandoeinrichtungen oder Anlagen zur Produktion von Massenvernichtungswaffen sein.

Anfangs schien das Konzept ein Erfolg zu sein, doch mit der Zeit entpuppte es sich als fehlgeleitete Idee, so Pleyer. In den USA suggerierte es eine Abschreckung gegen Terroristen, außenpolitisch führte es zu unerwarteten Reaktionen der Atommächte Russland und China. Prompt Global Strike kam in den USA nie über die konzeptionelle Phase hinaus, da eine Finanzierung zur Umsetzung vom Kongress abgelehnt wurde. Es blieb jedoch der „Geist, der durch die globale Abschreckungsdebatte weht“, betonte der Hauptmann.

Fehlinterpretation als Gefahrenquelle

Aus Sicht des Referenten unterschätzten die USA die Auswirkungen des Konzepts auf die Beziehungen zu Russland und China. „Beide wurden nicht als ebenbürtig wahrgenommen“, urteilte Pleyer. Russland habe zudem nicht verstanden, dass es sich um eine rein konventionelle Maßnahme handelte, und fühlte sich bedroht. Dies habe zu Aufrüstung in diversen Bereichen geführt. China hingegen habe das Konzept an seine Bedürfnisse angepasst und durch die Bestückung von Mittel- und Langstreckenraketen mit konventionellen Sprengköpfen auch umgesetzt.

Eine Gefahr bestehe dabei in der Fehlinterpretation des sogenannten Nuclear Signaling, der Analyse des Verhaltens eines anderen Staates im Falle einer Bedrohung beziehungsweise eines Angriffs. Wie kann ein Staat beispielsweise sicher sein, ob es sich beim Abschuss einer Trägerrakete lediglich um einen konventionellen, nicht um einen atomaren Angriff handelt?

Im Anschluss an Hauptmann Pleyers Vortrag folgte im Beck-Saal an der Führungsakademie der Bundeswehr und im Netz eine lebhafte Diskussion über nukleare Abschreckung. Etliche Teilnehmer waren sich dabei einig, dass diesem Thema zunehmend weniger Aufmerksamkeit geschenkt werde. Das Wissen darüber habe auch innerhalb der Bundeswehr abgenommen. Außerdem sei in Deutschland eine Debatte über dieses Thema schwierig, da diese vor allem emotional geführt werde. Wenn aber Emotionen das Thema beherrschen, könne ein rationales Ergebnis kaum zustande kommen.

#GIDSdebate bringt Wissenschaftler, Offiziere, Unternehmer und Behördenvertreter zusammen. Das Forum am dritten Mittwoch eines jeden Monats umfasst jeweils ein Impulsreferat durch eine Expertin oder einen Experten, eine 30-minütige Diskussion und die Gelegenheit zum Netzwerken. Derzeit wird #GIDSdebate als hybrides Format veranstaltet, so auch am 19. Mai um 17 Uhr. Oberstleutnant Michael Karl, Wissenschaftlicher Mitarbeiter am GIDS, spricht dann über den „Konflikt um Bergkarabach: Folgerungen, Schlüsse, Reformen“. Weitere Informationen sind per E-Mail an veranstaltungen@gids-hamburg.de erhältlich.

Autor: Eckhard Michel

Foto: U.S. Navy / Thomas Gooley

#GIDSdebate | 28. April 2021