Pekings Spagat zwischen Klimaschutz und Versorgungssicherheit

#GIDSdebate: Forum diskutiert chinesischen Transformationsprozess

Dürren, Überschwemmungen und Wetterextreme nehmen in allen Regionen dieser Welt zu. Gletscher schmelzen und der Meeresspiegel steigt. In anderen Erdteilen vertrocknen Flüsse und Seen. „Der Klimawandel ist Realität“, sagte Arvea Marieni, Gastrednerin bei der #GIDSdebate im November in Hamburg. Auch China habe den Klimaschutz für sich entdeckt und Klimaschutzpläne entwickelt, so die Strategieberaterin mit Fokus aus das fernöstliche Land.

Es war die Nachricht, die Anfang November von der Weltklimakonferenz COP26 in Glasgow ausging: Die Vereinigten Staaten von Amerika und die Volksrepublik China kündigten an, für mehr Klimaschutz zusammenzuarbeiten. Dabei ging es im Kern um eine gemeinsame Reduktion der schädlichen Kohlenstoffdioxyd-Emissionen. Die Wissenschaft habe gerade in der jüngsten Zeit mit neuen, weitreichenden Erkenntnissen und Formen der Modellierung dazu beigetragen, die Folgen des Klimawandels exakter bestimmen zu können. „Die Zeit, den Klimawandel noch zu vermeiden, ist vorbei“, so Arvea Marieni. Die in Hamburg lebende Strategie-, Innovations- und Nachhaltigkeitsexpertin für europäische und chinesische Umweltkooperationen betonte, dass es nun auch für die Politik endlich Zeit sei, zu handeln.

„Es hapert an der Umsetzung“

Strategisch sei es nunmehr nur noch möglich, sich dem Klimawandel anzupassen. Erkenntnisse, wie man den Klimawandel noch minimieren und sich dann an die tatsächlichen Folgen anpassen könne, seien da. „Es hapert aber an der Umsetzung“, sagte sie. China, als eines der größten und wirtschaftlich am rasantesten wachsenden Länder der Erde, sei nicht nur Treiber des Klimawandels, sondern auch selber stark betroffen von den Folgen. „In China kommen die Effekte des Klimawandels schneller zum Tragen als in anderen Regionen. Das Land hat heute schon mit erheblichen Ausmaßen extremer Wetterphänomene wie Dürren, Hitzewellen und Überschwemmungen zu kämpfen“, sagte Marieni. In einigen Landesteilen sei Wasserknappheit bereits ein Problem. Dies alles vor dem Hintergrund, für mehr als 1,4 Milliarden Menschen die Versorgung sicherstellen zu müssen. Die Chinesen sähen darin ein nationales Sicherheitsrisiko und werteten Ressourcenknappheit als künftiges Momentum für Krisen und Konflikte.

Bereits seit den 1990er Jahren beschäftige sich China mit dem Klimawandel und den Auswirkungen auf die Sicherheit des Landes. Knapp 60 Prozent des chinesischen Energieverbrauchs wird in China noch über Kohlekraft abgedeckt. Und das soll sich bis 2030 auch nicht ändern. Dennoch möchte das Reich der Mitte bis 2060 klimaneutral werden. Das neue Grundsatzpapier zur Klimapolitik, der „1+N“-Klimapolitikrahmen, gebe den Transformationsprozess und Maßgaben für die ökologische Umstellung aller Industriesektoren vor. Allerdings dürfe man nicht vergessen, dass Chinas Entwicklung zu Klimaneutralität in Konkurrenz stehe zur Versorgungssicherheit, die für Chinas Staats- und Parteiführung Priorität vor dem Klimaschutz habe.

„Es wird einfach gemacht“

Der Klimaschutzplan sehe einen vernetzten Ansatz aller gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Bereiche vor und eine für China übliche Top-Down-Durchführung. „Die Staats- und Parteiführung gibt vor und es wird einfach gemacht“, erklärte die Italienerin. An diesem Punkt kamen während der Diskussion erhebliche Zweifel an der Glaubwürdigkeit der chinesischen Strategie auf. Der Klimafahrplan stehe im Kontrast zum ökonomischen Fortschritt, den das Land ebenfalls verfolge. Etwa 850 Millionen Chinesinnen und Chinesen seien am unteren Rand der Gesellschaft und verlangten nach Bildung und Energie. Marieni erwiderte, dass die Energiewende in China technologisch möglich sei. Die Investitionen in erneuerbare Energien wie Solar- oder Windenergie seien enorm und überträfen die der Vereinigten Staaten um ein Vielfaches.

Einig war man sich darin, dass der Klimawandel ein virulentes Sicherheitsrisiko darstelle, das eine gemeinsame Anstrengung der größten Emittenten weltweit erfordere: den Vereinigten Staaten von Amerika, der Volksrepublik China und der Europäischen Union. „Wir müssen gemeinsam eine Konvergenz im Klimaschutz schaffen“, so das Echo. China habe als autokratisches System eine enorme Durchschlagkraft. Hier wünschten sich die Stimmen aus dem Publikum, dass auch demokratische Systeme mit mehr Schwung in die Energiewende gingen.

Aber auch die Folgen des Klimawandels wurden diskutiert: „Wir müssen unsere Verteidigung überdenken“, sagte Marieni. Alleine bis 2050 wird mit 250 Millionen Klimaflüchtlingen gerechnet. Die Sahelzone wird mit Temperaturen von über 50 Grad Celsius unbewohnbar sein. Krisen und Konflikte werden zunehmen. Hier bedürfe es auch einer engen Kooperation der industrialisierten Länder und Bündnisse sowie einem weltweiten Technologietransfer in Bezug auf saubere Energie. Keiner könne das Problem allein lösen. China reagiere auf die Auswirkungen des Klimawandels auf die nationale Sicherheit mit einem verstärkten zivil-militärischen Ansatz. Die chinesischen Streitkräfte sollen zudem den Transformationsprozess zu einer auf erneuerbare Energien ausgelegte Armee mitmachen.

GIDSdebate bringt Wissenschaftler, Offiziere, Unternehmer und Behördenvertreter zusammen. Das Forum am dritten Mittwoch eines Monats umfasst jeweils ein Impulsreferat durch eine Expertin oder einen Experten, eine 30-minütige Diskussion und die Gelegenheit zum Netzwerken. Derzeit wird #GIDSdebate als hybrides Format veranstaltet, so auch am 15. Dezember 2021 um 17 Uhr. Dann wird Oberstleutnant der Reserve Wolfgang Müller zu „PESCO: Armee der Europäer oder Europäische Armee – Eine Einordnung aus ökonomischer Perspektive“ vortragen. Weitere Informationen sind per E-Mail über buero@gids-hamburg.de erhältlich.

Autorin: Dr. Victoria Eicker

Fotograf: Andreas Habich | Mario Assmann

#GIDSdebate | 29. November 2021