„Wir erleben eine Dominanz des Feuers über die Bewegung“

„Gewinnen wird nicht, wer die meisten Drohnen hat. Gewinnen wird, wer innovativ ist und am schnellsten lernt.“ So lautete die These, mit der Oberst i.G. Oliver Hüttel, Direktor Strategische Studien und Forschung des GIDS, die #GIDSdebate am 3. November in der Handelskammer Hamburg eröffnete. Im Saal: an die 300 angemeldete Gäste aus Militär, Politik, Wissenschaft und Gesellschaft, Moderator Oberstleutnant Joachim von Blumröder von der Führungsakademie der Bundeswehr – und die vier Panelisten, die das Thema „Drohnen, die Zukunft des Krieges?“ aus ganz unterschiedlichen Perspektiven beleuchteten.

Aus der Wissenschaft: „Die Drohne bestimmt das Kriegsbild, wir erleben eine Dominanz des Feuers über die Bewegung“, ordnete Oberstleutnant i.G. Andreas Rapp, wissenschaftlicher Referent und Militäranalyst am GIDS, zunächst die Situation in der Ukraine ein. Das moderne Gefechtsfeld sei „gläsern“, es gebe „kein sicheres Hinterland“ mehr. Der rasanten technischen Weiterentwicklung der Drohnensysteme müsse die militärische Führung strategisch begegnen, so Rapp: „Wir müssen uns überlegen: Wie wollen wir den Krieg führen, um ihn gewinnen zu können?“ Daraus ließen sich taktische Maßnahmen ableiten: „Welche Art von Drohnen will ich wo, in welcher Reihenfolge und gegen welche Ziele einsetzen?“ Zielführend sei „eine Drohnenkriegsführung, die den Gegner überrascht und nicht nur kopiert“.

Aus der militärischen Praxis: „Wir haben mittlerweile eine Masse an Informationen zur Verfügung, die wir verarbeiten müssen“, beschrieb Major Oliver Ebert seine Situation als Pilot auf dem Kampfjet Tornado. Dieser – auch durch Drohnensysteme generierte – Informationsfluss werde „irgendwann einen kritischen Punkt überschreiten“, so der Teilnehmer des Lehrgangs Generalstabs-/ Admiralstabsdienst National (LGAN) an der Führungsakademie der Bundeswehr weiter. Für die künftige Arbeit im Cockpit sei künstliche Intelligenz daher unverzichtbar: „Und hier sehe ich die Industrie in einer Schlüsselrolle.“

Aus der Industrie: „Die Drohne ist inzwischen auch ein Symbol für Masse“, sagte Dr. Gundbert Scherf, Co-CEO und Mitgründer des militärischen KI-Unternehmens Helsing. „Jede Aktion auf dem Gefechtsfeld führt zu einer Reaktion, so entsteht ein dauerhafter Wettlauf.“ Ein Schlüssel für die glaubwürdige Abschreckung liege in der Entwicklung von Software und KI, mit denen autonome Systeme wie zum Beispiel Drohnen ausgestattet würden, denn: „Wenn wir abschrecken wollen, müssen wir technologische Überlegenheit herstellen.“ Hier sieht Scherf die westlichen Nationen im Vorteil: „Wir sind innovative, offene Gesellschaften. Wir haben starke Forschungsstrukturen, das müssen wir in die militärische Struktur einbringen.“ Letztlich könne „Masse nur mit Masse bekämpft“ werden, und zwar am besten mit intelligenter Masse. Es gelte die amerikanische Phrase: „The Factory ist the Weapon.“

Aus dem Journalismus: Matthias Gebauer, Chefreporter Der Spiegel, sieht in Deutschland zwar „enorme Fortschritte, was die Geschwindigkeit von Beschaffungsprozessen angeht“. Gleichwohl sei das Tempo noch immer nicht hoch genug, dafür stehe die Entwicklung im Bereich der Drohnentechnologie. „Die Ukrainer, aber leider auch die Russen sind sehr schnell darin geworden, die Erfahrungen, die sie an der Frontlinie mit den Systemen des Gegners machen, in einem komplett digitalisierten System an die Industrie zurückzuspielen“, so Gebauer. Derartige Lehren aus dem Ukraine-Krieg müsse auch Deutschland nutzen: „Wir brauchen mehr Leute aus der Bundeswehr in der Ukraine, und wir müssen mehr Leute aus der Ukraine nach Deutschland holen.“

Zudem kritisierte Gebauer einen „Bürokratie-Wahnsinn, was die Drohnenabwehr angeht“. Kompetenzstreitigkeiten zwischen Bundeswehr, Bund und Ländern müssten aufgelöst werden, „um einen effektiven Schutz zumindest der ganz zentralen kritischen Infrastruktur sicherstellen zu können“. Er wolle in zwölf Monaten „nicht mehr darüber diskutieren, was passiert, wenn mal eine Drohne abstürzt und ein paar Trümmer aufs Hausdach fallen – bezahlt das dann die Versicherung…?“ Dafür sei die Bedrohungslage in Deutschland ein zu zentrales Thema: „Wir stehen ganz klar im Fokus von Russland.“

Bei der abschließenden offenen Diskussion griff Prof. Dr. Gary S. Schaal, Direktor GIDS und Leiter Forschungsbereich Metastrategien, die Ausgangsthese von Oberst Hüttel auf, indem er die Grenzen menschlicher Innovation und Lernfähigkeit thematisierte. „Das Beispiel Ukraine zeigt, dass wir am Ende der Wirkungsüberlegenheit durch menschliche Operateure angelangt sind“, so Schaal mit Blick auf den Einsatz von durch KI-Taktik gesteuerte Drohnenverbände. Die damit verbundene Frage nach „Meaningful Control“, der menschlichen Verantwortung für die Handlungen von Maschinen – auch das war und ist ein Anstoß für weitere intensive Gespräche im Anschluss an diese #GIDSdebate.