Streitkräfte im Zeichen des Klimawandels

GIDS auf der Münchner Sicherheitskonferenz 2020

„Westlessness“ – übersetzt „Westlosigkeit“ – war das Schlagwort der diesjährigen 56. Münchner Sicherheitskonferenz. Konferenzleiter Wolfgang Ischinger sprach von einer „ungewöhnlich ernsten“ internationalen Lage. Auch Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier fand deutliche Worte: „Der Rückzug auf ein eng verstandenes nationales Interesse hindert uns daran, gemeinsam vorzugehen und überzeugende Antworten auf jene Fragen und Probleme zu entwickeln, die keiner, auch nicht der größte Nationalstaat dieser Erde, allein geben kann. […] Der Klimaschutz ist nur eines davon.“ Klimawandel war auch das Thema der Veranstaltung des „German Institute for Defence and Strategic Studies“, das dieses Jahr erstmalig auf der weltweit wohl wichtigsten Tagung für Sicherheitspolitik vertreten war.

Klimawandel und die Auswirkungen auf die Sicherheitspolitik war auf der Münchner Sicherheitskonferenz (MSC) dieses Jahr ein breit diskutiertes Thema. Das „German Institute for Defence and Strategic Studies“ (GIDS), die Denkfabrik der Führungsakademie der Bundeswehr und der Helmut-Schmidt-Universität / Universität der Bundeswehr Hamburg, war nicht nur erstmalig auf der Münchner Sicherheitskonferenz mit einem Side-Event vertreten. Es knüpfte mit dem Thema „Adapting to Climate Change: A Future Role for the Military?“ auch an die Aktualität dieses Themas an.

Prof. Dr. Stefan Bayer, Leiter des Forschungsgebietes „Ökonomie und Ökologie der Gewalt“ am GIDS und Professor für Volkswirtschaftslehre an der HSU verfasste mit Simon Struck den Forschungsbericht „Strategische Ausrichtung von Streitkräften im Klimawandel“. Dieser diente als Ausgangspunkt für die Diskussion, bei der neben Prof. Bayer auch der ehemalige Generalsekretär der Vereinten Nationen, Ban Ki-moon, und der ehemalige Außen- und Verteidigungsminister Norwegens und jetzige Abgeordnete, Espen Barth Eide, einen Impulsvortrag hielten.

Zur Veranstaltung auf der MSC sprachen der ehemalige Generalsekretär der VN Ban Ki-moon (links) und der ehemalige Außen- und Verteidigungsminister Norwegens, Espen Barth Eide (rechts) eine Keynote. Prof. Dr. Stefan Bayer moderierte.

Gemeinsamer Feind: Klimawandel

„Wir haben einen gemeinsamen neuen Feind. Den Klimawandel“, stellte Ban Ki-moon fest. Darin waren sich alle Teilnehmer einig: Der Klimawandel ist Realität. Man könne versuchen, den Klimawandel weniger drastisch ausfallen zu lassen oder sich an den Klimawandel anzupassen, so Prof. Bayer – wahrscheinlich müsse man sich beiden Herausforderungen gleichzeitig stellen. Eine der Kernfragen mit Blick auf die Streitkräfte sei, wie man sie künftig vor dem Hintergrund der Folgen des Klimawandels einsetzen kann. Welche Rolle kann das Militär bei der Anpassung an den Klimawandel spielen? „Klimawandel wird von unterschiedlichen Streitkräften bereits erkannt und in eine Strategie- und Planungsebene eingebunden: Weltweit passen sich Streitkräfte sehr unterschiedlich an den Klimawandel an“, sagte Bayer.

Auch auf den ökologischen Fußabdruck von Streitkräften kam Ban Ki-moon zu sprechen. Fünf Prozent der weltweiten Kohlendioxyd-Emissionen seien von Streitkräften verursacht. Er wies darauf hin, dass die US-Streitkräfte einen sehr hohen Ölverbrauch hätten und mehr Kohlendioxyd emittierten als Schweden und Portugal zusammen. „Ich bin überzeugt, dass der ökologische Fußabdruck dringend reduziert werden muss“, betonte der ehemalige Generalsekretär der Vereinten Nationen. Gleichzeitig appellierte er, Strategien für eine Anpassung an das sich verändernde Klima und deren Folgen zu entwickeln.

Rolle des Militärs beim Klimawandel

Sehr deutlich äußerte sich auch Espen Barth Eide: „Klimawandel ist real. Das ist nicht mehr nur Vorhersage.“ Als Politiker sagte er deutlich, dass es jetzt darum gehe, den Klimawandel so weit wie möglich zu verhindern, sich aber an die unvermeidbare Veränderung auch schon anzupassen und Vorbereitungen zu treffen. „Der Planet wird sich verändern“, unterstrich er. Folgen des Klimawandels wie Wasserknappheit, Ernährungsengpässe oder eine Zunahme an Krankheiten würden zuerst die Länder treffen, die am wenigstens darauf vorbereitet seien. Das sei die eigentliche Tragödie. Bei all diesen Folgen könne das Militär aber einen wesentlichen Beitrag zur Linderung leisten, sagte der ehemalige Außenminister Norwegens. Auch Eide sprach den immensen Verbrauch des Militärs an fossilen Brennstoffen an. Er verwies darauf, dass zumindest im Grundbetrieb eine Verringerung möglich sei.

Während der Diskussion wurde von einigen Teilnehmern auch das Argument angebracht, dass eine Verringerung des Verbrauchs fossiler Energie, die zu einem Großteil in Form von Rohöl aus dem mittleren Osten stammt, sicherheitspolitische Folgen haben könnte. Denn ein kompletter Wechsel auf erneuerbare Energien würde eine wichtige Wohlstandsquelle Saudi Arabiens und anderer Länder der Region zum Versiegen bringen. „Das wird die Leute dort nicht erfreuen“, sagte beispielswiese Joseph Stiglitz, Nobelpreisträger und ehemaliger Chefökonom der Weltbank. Es sei dann notwendig, diesen Ländern zu helfen, neue Einnahmequellen zu finden.

Oberst i.G. Prof. Dr. Matthias Rogg, Leiter des GIDS an der Führungsakademie der Bundeswehr, stellte während der Veranstaltung die Denkfabrik vor.

Mehr erneuerbare Energien

Generalleutnant Martin Schelleis, Inspekteur der Streitkräftebasis, sagte, dass der Klimawandel nicht die einzige Herausforderung sei. Zudem betonte er, dass der Kampf gegen den Klimawandel immer ein politischer sein muss. Zwar sagte er, dass das Militär einen wichtigen Beitrag im Kampf gegen den Klimawandel leisten kann, aber Streitkräfte seien nicht die Lösung des Problems. Indes brachte der Inspekteur der Streitkräftebasis ein Beispiel, wie Militär schon heute auf erneuerbare Energien zurückgreife. So verwies er darauf, dass das Bundeswehrcamp in Niamey, Niger, die Energie, die dort gebraucht werde, auch aus Solarkollektoren generiere.

Eide hob die Fähigkeit des Militärs hervor, sich widrigen Situationen schnell anpassen zu können. In der Diskussion wurde dieser Punkt immer wieder herausgehoben, und gefolgert, dass das hohe organisatorische Potential von Streitkräften ein Vorbild sein kann, wie man künftig mit den Folgen des Klimawandels umgehen könnte. Als Beispiele wurden die verheerenden Brände in Brasilien genannt, in denen das Militär gezielt zur Bekämpfung eingesetzt wurde. Interessiert verfolgte die Chefin von Greenpeace International, Jennifer Morgan, die Diskussion. Auch sie unterstrich, dass Streitkräfte eine Schlüsselrolle sowohl in der Anpassung an den Klimawandel wie auch im Umgang mit den Folgen einnehmen könnten. Denn das Beispiel der gewaltigen Brände in Australien hätte gezeigt, welche komplexe Herausforderung im Umgang mit Klimakatastrophen zu bewältigen seien. Es gelte, sich auf solche Szenarien vorzubereiten.

Greenpeace-Chefin Jennifer Morgan mit Joseph Stiglitz, Nobelpreisträger und Ex-Chefökonom der Weltbank (zweiter von rechts), Espen Barth Eide (rechts) und Prof. Bayer (links).

Strategien entwickeln

Rund 140 Staats- und Regierungschefs, Außen-, Verteidigungsminister und hochrangige Vertreter anderer Ressorts reisten zur Münchner Sicherheitskonferenz. „Wir erleben einen Epochenbruch, dessen Auswirkungen in unserer Öffentlichkeit noch überhaupt nicht angekommen ist“, mahnte Ischinger während der Konferenz. Das betrifft viele Aspekte, aber Klimawandel ist ein sehr wichtiger. „Es heißt nun, das Potential von Streitkräften im Zusammenhang mit dem Klimawandel zu erkennen, die sicherheitspolitischen Auswirkungen zu analysieren und Strategien zu entwickeln, wie man die Folgen des Klimawandels am besten bewältigen kann“, fasste Prof. Bayer zusammen.

Autorin: Victoria Eicker

Foto: MSC

Der Beitrag des GIDS zur MSC beruht auf dem #GIDSresearch Papier „Strategische Ausrichtung von Streitkräften im Klimawandel“.

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