Als die Einschläge näherkamen

Tagung 30 Jahre Armee der Einheit:
Oberst Ralph Malzahn über seinen Dienst in zwei Streitkräften

Gewillt und entschlossen, mit Leib und Leben für die DDR einzustehen. Ausgebildet und bereit, mit der Waffe in der Hand für den Sozialismus zu kämpfen. Und plötzlich sollte das falsch und nichts mehr wert sein? Diese Frage stellte sich den Angehörigen der Nationalen Volksarmee (NVA), als der Arbeiter- und Bauernstaat wie ein Kartenhaus zusammenbrach. Auch Ralph Malzahn, von 1982 bis 1990 Offizier der NVA, suchte nach Antworten. Heute ist er Oberst der Bundeswehr. Mit unserer Redaktion sprach der 56-Jährige am Rande der Tagung „30 Jahre Armee der Einheit – eine Erfolgsgeschichte?“. Zu der Veranstaltung an der Führungsakademie der Bundeswehr hatten der Lehrgang General- und Admiralstabsdienst National 2019 und das German Institute for Defence and Strategic Studies eingeladen.

Herr Oberst, wie haben Sie den 3. Oktober 1990 erlebt?

Als Soldat denke ich zunächst an den 2. Oktober. In Hagenow stationiert und im Stab des Motorisierten Schützenregiments 29 eingesetzt, war ich der letzte Offizier vom Standortdienst, der die NVA-Uniform trug. Weil wir um Mitternacht übernommen wurden, zog mein Nachfolger bereits im Feldanzug der Bundeswehr auf. Den 3. Oktober haben meine Frau, unsere Tochter und ich mit Freunden verbracht. Wir haben gefeiert.

Sie haben gefeiert – obwohl Ihr Weltbild implodierte?

Das brach nicht erst am 3. Oktober 1990 zusammen. Es gab auch keinen Auslöser, der alles auf einmal weggefegt hätte. Vielmehr handelte es sich um einen Prozess ab Mitte der 1980er-Jahre. Den Anfang machten die Veränderungen in der Sowjetunion, die Stichwörter lauteten Perestroika und Glasnost für Neugestaltung und Transparenz. Damals war aber nicht absehbar, dass sich diese Reformen auf die NVA oder mich auswirken könnten. Erst als die Einschläge näherkamen, entstand persönliche Betroffenheit. Über die Demonstrationen, die sich nicht mehr geheim halten ließen, diskutierten wir Soldaten erst im kleinen Kreis, dann immer öffentlicher. Uns beschäftigte die Frage: Warum sind so viele Menschen so unzufrieden? Später fragten wir uns: Was wird aus uns? Darauf erhielten wir zunächst keine Antworten. Unsicherheit herrschte vor.

Wann haben Sie begonnen, am Dienst in der NVA zu zweifeln?

Im Sommer 1989. Mit den politischen Umwälzungen fiel das Feindbild weg. Und damit die Notwendigkeit für einen Dienst, wie ich ihn acht Jahre lang erlebt und aus Überzeugung mitgetragen hatte: straff, hart, zeitintensiv, mit Auflagen und Zwängen, unter enormem Druck, zu einem hohen persönlichen Preis. Bis dahin hatte man es akzeptiert – weil man glaubte, den Grund zu kennen. Der Staat war eben abgeschottet und das Feindbild bereits in der Schule schlüssig dargelegt. Daher werfe ich mir nicht vor, dass ich das spät durchschaut habe.

Erst der Fahneneid auf die DDR, dann der Diensteid bei der Bundeswehr: Sind Sie damals in einen Gewissenskonflikt geraten?

Nein, denn ich habe keinen Eid gebrochen. Mit der Vereidigung am 20. Juli 1990 wurden die Berufssoldaten der NVA von ihrem alten Eid entbunden; die neue Formel hatte die im März frei gewählte Volkskammer beschlossen. Rechtlich war das also geregelt. Außerdem war es angesichts des Umbruchs nur konsequent, wenn man nun eine andere Sichtweise hatte.

Wann haben Sie sich ganz und gar als Soldat der Bundeswehr gesehen und verstanden?

Das lässt sich an keinem Tag festmachen, eher in die Zeit als Zugführer in Beelitz verorten. Dort haben wir ab 1991 die neue Struktur eingenommen, hatten Bundeswehrgerät und waren mit dem Spähpanzer Luchs ausgestattet. Außerdem wurde ich an der Panzertruppenschule in Munster zum Kraftfahrer, Richtschützen und Zugführer ausgebildet. Auch das hat mir gezeigt: Es besteht ein echtes Interesse, Soldaten aus Ostdeutschland vollwertig einzusetzen, eine gemeinsame Armee aufzubauen. Und dann der Wechsel 1993 nach Braunschweig, in die nächsthöhere Verwendung als Chef einer Panzeraufklärungskompanie. An dem Punkt habe ich keine Unterschiede mehr erkannt zu Kameraden, die in der Bundeswehr groß geworden sind.

Haben Sie anfangs gefremdelt?

Ab dem 3. Oktober war die Uniform eine andere; auch die Vorgesetzten waren andere, jedenfalls an der Spitze des Bataillons mit Kommandeur, Stellvertreter und einigen Beratern. Aber sonst stellte es sich dar, wie ich es jahrelang erlebt hatte. Die Kaserne dieselbe, die Menschen dieselben, der Name des Bataillons derselbe. Also, viel Vertrautes. Dadurch hielt sich das Fremdeln in Grenzen. Wirklich ungewöhnlich war, was die Bundeswehr von der NVA grundlegend unterscheidet: die Art und Weise, wie der Mensch wahrgenommen wird, die Offenheit des Vorgesetzten, die Informationspolitik, die Führungsphilosophie. Nicht, dass meine Vorgesetzten in der NVA schlecht gewesen wären oder ein krasses Menschenbild gehabt hätten. Aber wie ich es damals in der Bundeswehr kennenlernte, mit all den Freiheiten und dem Vertrauen, war für mich schon sehr erstaunlich. Anfangs konnte zwar niemand etwas mit dem abstrakten Begriff der Inneren Führung anfangen, aber dieses Konzept musste man uns auch nicht groß erklären – weil es tagtäglich vorgelebt wurde. Ohne Schulung, ohne Ausbildung, wie ich sie später an der Offizierschule des Heeres bekommen habe, sind die Leitlinien der Inneren Führung sehr deutlich geworden.

Welche Anteile der NVA-Ausbildung haben Ihnen in der Bundeswehr geholfen?

Ich bin in einem militärischen System erzogen und ausgebildet worden, das sehr enge Grenzen gesetzt hat – das aber auch stark darauf geachtet hat, dass die erforderlichen Leistungen erbracht werden. Die Ausbildung war immer geprägt vom drillmäßigen Üben, vom Beherrschen des Handwerks. Angefangen beim Einzelschützen bis hin zu höheren Vorgesetzten. Und das hat mich schon geprägt: Der feste Wille, den Auftrag zu erfüllen, koste es, was es wolle. Sei es noch so schwierig, Hindernisse aus dem Weg zu räumen. Hinzu kam eine Besonderheit der NVA-Aufklärungstruppe. Weil sie auf unterer Ebene selbstständig eingesetzt wurde, habe ich zu DDR-Zeiten wenigstens im Ansatz erlebt, was wir in der Bundeswehr als Auftragstaktik bezeichnen. Natürlich ohne die Freiheiten wie ich sie als militärischer Führer in der Bundeswehr hatte und heute lehre. Das ist in der NVA stärker kontrolliert worden. Die Probleme vor Ort mussten wir aber schon selbst lösen. Die nächsthöhere Führungsebene war am Funk, weit weg.

Aus Ihrer Sicht, aus Ihrer Erfahrung in zwei Armeen: Ist die NVA traditionswürdig?

Zunächst stellt sich die Frage: Wozu dient Tradition? Was gibt sie uns? Für mich ist das die Überlieferung von Werten als Orientierungshilfe. Darüber hinaus geht es um die Erinnerung an Haltung und beispielhaftes Handeln entlang dieser Werte. Weil aber der Kern des Soldatenberufs nun einmal der Einsatz im Gefecht ist, reicht für mich treues Dienen allein nicht aus, um tradiert zu werden. Auch deshalb sehe ich keinen Ansatz für eine Tradition mit Bezug zur NVA. Ob es Fälle beispielhaften Widerstands innerhalb der NVA gab? Es fällt mir schwer das vorzustellen, will aber nicht bestreiten, dass es Fälle gab. Das müssten Historiker herausfinden. Und dann müsste man sich damit auseinandersetzen.

Wie sehen Sie den 3. Oktober 1990 heute? Welche Bedeutung hat der Tag für Sie?

Die Wiedervereinigung war der absolut richtige Weg, eine absolut kluge Entscheidung. Der damit verbundene politische und finanzielle Kraftaufwand Westdeutschland war und ist eine einmalige Leistung; er hat maßgeblich dazu beigetragen, dass die Lage im Osten heute so ist, wie sie ist. Und damit meine ich insbesondere die positiven Dinge. Denn bei allen Rückschlägen steht doch fest: Was sich entwickelt hat, ist eine Erfolgsgeschichte. Kurzum, ich blicke sehr, sehr dankbar und zufrieden auf den 3. Oktober.

Was bleibt zu tun? Oder ist das Projekt Armee der Einheit abgeschlossen und nur noch ein Thema für Historiker?

Auf der heutigen Tagung waren Stimmen zu hören, wonach der Begriff Armee der Einheit nicht klar zu definieren ist. Tatsächlich glaube ich, dass gerade die jüngeren Kameraden immer weniger damit anfangen können. Das muss auch gar nicht sein, denn die Einheit wird in der Bundeswehr täglich gelebt. Bereits nach wenigen Jahren gab es, so meine Wahrnehmung, bei Auswahlentscheidungen in Sachen Personal keine Unterscheidungen mehr, wenn jemand Vordienstzeit in der NVA hatte. Bei Lehrgängen fiel oft erst nach Tagen auf: Ach, du bist aus dem Osten! Man sprach erst einmal über andere Sachen. Über die Uniform war eine Gemeinsamkeit da, über den Dienstgrad fand sich der Platz in der Hierarchie. Einen wichtigen Beitrag leistete die Bundeswehr, und leistet ihn immer noch, indem sie Vorgesetzte wie auch Rekruten von Ost nach West und umgekehrt versetzte. Bei meinen etwa 80 Stammsoldaten weiß ich heute auch nicht immer genau, woher jemand kommt. Das spielt einfach keine Rolle. Der Armee der Einheit sind wir damit sehr nah.


Zur Person
Oberst Ralph Malzahn ist Leiter Ausbildungsbereich Heeresaufklärungstruppe und General der Heeresaufklärungstruppe. Den Dienstposten am Ausbildungszentrum Munster hat er 2017 übernommen. Zuvor war er unter anderem als Referatsleiter in der Abteilung Strategie und Einsatz im Bundesministerium der Verteidigung und als Kommandeur des Gebirgsaufklärungsbataillons 230 in Füssen eingesetzt. 2008 bis 2009 absolvierte er einen Auslandseinsatz in Afghanistan, 2006 im Kosovo. In die Bundeswehr wurde er in seinem NVA-Dienstgrad Oberleutnant übernommen. Malzahn, 1963 in Waren (Müritz) geboren, ist verheiratet und Vater einer erwachsenen Tochter.

Autor: Mario Assmann

Foto: Lene Bartel

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