„Das ist alles keine Science-Fiction mehr“ – Oberstleutnant Michael Karl über moderne Kriegsführung und neue Technologien

Syrien, Libyen, Bergkarabach, selbst der jüngste Konflikt in Israel haben eines gezeigt: Das moderne Schlachtfeld hat sich grundlegend verändert. Neue aufstrebende Akteure, revolutionäre Technologien, neue Waffensysteme stellen uns vor enorme Herausforderungen: politisch, rüstungstechnisch und mit Blick auf die Struktur von Streitkräften. Die Sicherheitslage rund um Europa hat sich dramatisch verändert. Was bedeutet dies für Deutschland und die Bundeswehr? Die Redaktion des GIDS sprach mit Oberstleutnant Michael Karl, wissenschaftlicher Referent und Experte für Modern Warfare an der Denkfabrik der Bundeswehr, über neue Waffensysteme und den Anpassungsdruck in den Streitkräften.

Herr Oberstleutnant, Sie haben kürzlich eine #GIDSdebate zu Bergkarabach gehalten und arbeiten zurzeit mit ihren Kollegen an weiteren Papieren zu den Schlussfolgerungen aus dem Krieg für die Politik, aber auch für die Bundeswehr. Was sind Ihre wesentlichen Erkenntnisse?

Um es mal ganz drastisch auszudrücken: Wenn die Bundeswehr in diesem konkreten Konflikt gegen Aserbaidschan hätte kämpfen müssen, hätte sie kaum eine Chance gehabt. Bei Waffensystemen, die genutzt wurden wie Kampfdrohnen und Kamikazedrohnen, hätten wir uns nicht ausreichend wehren können. Allein schon die fehlende Heeresflugabwehr wäre uns zum Verhängnis geworden. Natürlich sind Luftaufklärung und Luftabwehr Sache der Luftwaffe, aber wir brauchen Expertise im Wirkungsraum zwischen Luftwaffe und Heer – gerade in der Drohnenabwehr. Um in einem modernen Kriegsszenario bestehen zu können, benötigen wir selber auch neue Technologien und vor allen Dingen Technologien, die auf dem neuesten Stand sind und damit im Gefecht, lassen Sie es mich mal salopp sagen, „wettbewerbsfähig“ sind. Deutschland verfügt über diese modernen Technologien. Der Wehrtechnische Report vom April 2020 führt diverse taktische Luftverteidigungssysteme auf, die in der Industrie schon verfügbar wären. Schall-, Stör- oder SkyNet-Systeme zur Drohnenabwehr beispielsweise gibt es schon – sie werden auch zum Teil zivil an Flughäfen genutzt. Wir müssen sie nun aber auch als Bundeswehr zügig beschaffen und einsetzen können, denn die zukünftige Technik entwickelt sich rasend schnell.

Im September 2021 findet die russische Militärübung „ZAPAD 21“ statt. Man vermutet, dass dort eine ganze Reihe neuer Waffensysteme getestet werden. Stimmt das?

Das ist richtig. Alle bisherigen Informationen deuten darauf hin, dass die Übung im sogenannten „Western Military District“ stattfinden wird – das geht von Belarus aus nach Norden an den baltischen Staaten vorbei bis nach St. Petersburg. Aber auch im Raum Woronesch wird geübt. Zudem weiß man, dass in allen Teilstreitkräften Marine, Luftwaffe und Heer nicht nur neue konventionelle Waffensysteme wie neue Artilleriesysteme, Panzer oder neueste Infanteriewaffen getestet werden, sondern auch ganz neue Waffensysteme – wir erwarten den Einsatz und Test neuester Drohnensysteme in den Bereichen Aufklärung und Kampf, aber auch Drohnenabwehr, und dies in allen Teilstreitkräften. Man muss wissen, dass Russland eine starke Modernisierung seiner Streitkräfte durchgeführt hat. Im Krieg um Bergkarabach hat Russland erkannt, dass es eklatante Lücken im Bereich der Drohnenentwicklung, aber auch im Bereich der Abwehr von Drohnen hat. Natürlich waren russische Militärbeobachter vor Ort. Die Industrie hat die Weisung bekommen, die Erkenntnisse umzusetzen und entsprechende Systeme zu entwickeln. Wir gehen davon aus, dass ZAPAD 21 dazu dienen wird, neue Drohnentypen – in allen Kategorien, also Kampf, Beobachtung, Abwehr – zu testen. Allein mit Belarus werden, Medienangaben zufolge, bis zu sieben Übungen stattfinden: Alle unter der Maßgabe der neuen Bedrohungen und Chancen durch Drohnen. Bei ZAPAD 21 wird sich – so die Erkenntnisse bislang – fast alles um den Einsatz von Drohnen und den elektronischen Kampf drehen. Russland forscht zudem an seiner Hyperschallwaffe „Avantgarde“. Ob sie während ZAPAD 21 zum Einsatz kommt, wissen wir nicht. Wie weit die russische Entwicklung diesbezüglich wirklich ist, ist ebenfalls unklar. Aber: Bei der Avantgarde gehen wir davon aus, dass wir – sollte sie tatsächlich funktionieren – derzeit keine direkte Abwehrmaßnahme haben: Eben weil sie so schnell ist. Vielleicht kann sie noch mit Radar aufgeklärt werden. Hyperschallwaffen machen allerdings einen Schlingerkurs, so dass es sehr schwer ist, zu berechnen, welches Ziel sie im Visier haben. Das erschwert die Abwehr- und Schutzmaßnahmen enorm. Sie werden uns in der zukünftigen Kriegsführung noch beschäftigen. Darauf müssen wir uns einstellen.

Die Chinesen entwickeln ebenfalls Hyperschallwaffen. Ist man dort weiter?

Auch das lässt sich nicht definitiv sagen. Chinas derzeit beste Hyperschallwaffe ist der DL-ZF-Gleiter, der atomar wie auch konventionell bestückt werden kann. Er fliegt mehr als 12.000 Kilometer pro Stunde und gilt als sogenannter „Carrier-Killer“; eine Rakete, die eine existentielle Gefahr für Flugzeugträger darstellt. Wenn diese Waffe angreift, gibt es derzeit keine Abwehrmöglichkeiten, es sei denn, man könnte eine Laserwaffe einsetzen. Seit 2015 hat China die Dongfeng 21D Mittelstreckenrakete, die ebenfalls wahlweise atomar oder konventionell bestückt werden kann. Sie ist 15.000 Kilometer pro Stunde schnell und wurde ebenfalls als „Carrier-Killer“ konstruiert. Zudem forschen die Chinesen an einer Kampfdrohne, die die besonderen Flugeigenschaften eines Ekranoplans hat. Das heißt: Diese Kampfdrohne kann 45 Zentimeter über der Wasseroberfläche fliegen und ist damit nur sehr schwer aufzuklären. Die Vorwarnzeit für einen Trägerverband liegt bei gerade mal einer Minute. Das ist extrem wenig Zeit für Gegenmaßnahmen. Bei einem Geschoss geht das, bei zwei vielleicht auch noch, aber bei drei bis fünf kann man kaum noch abwehren. Dann gehen 5000 Mann und Frau Besatzung mit einem 5,5 Milliarden US-Dollar teuren Träger unter und verlieren ihr Leben. Bei Hyperschallwaffen kommt noch hinzu, dass immense Entfernungen in relativ kurzer Zeit überbrückt werden können. Man kann also auf einem ganz anderen Kontinent ein Ziel treffen, und die Betroffenen merken erst im letzten Moment, dass sie angegriffen werden. Für effektive Gegenmaßnahmen könnte es dann schon zu spät sein.


Aufklärungsdrohne Heron
In zukünftigen Kampfszenarien werden Drohnen eine entscheidende Rolle spielen

In Deutschland diskutiert die Öffentlichkeit über die Anschaffung bewaffneter Drohnen oder die mögliche Bewaffnung bereits genutzter Drohnensysteme wie Heron TP. Wie sieht denn der Drohnenmarkt derzeit aus? Ist das noch eine zeitgemäße Diskussion?

Ich denke nicht. Im Moment zählen zu den wichtigsten Drohnenentwicklern und -herstellern neben den Vereinigten Staaten von Amerika und Israel die Türkei und vor allen Dingen China. Laut einer Statistik des Handelsblattes ist China den Marktanteilen zufolge zum führenden Hersteller von Drohnen weltweit geworden. Bei den führenden Drohnenherstellern der Welt nehmen zwei chinesische Unternehmen 79,9 Prozent des Weltmarktanteils ein. Das ist mehr als beachtlich. Ich habe mal angefangen zu recherchieren, welche Typen von Drohnen in China hergestellt werden – bei rund 400 unterschiedlichen Typen habe ich aufgehört zu zählen. Das ist ein nicht zu unterschätzender Markt. Die Türken haben in den vergangenen Jahren in dem Segment aber auch einen Riesensprung gemacht. Die Türkei gehört zu den führenden Nationen, was den Verkauf und den Einsatz von Kampfdrohnen betrifft. Das vom Schwiegersohn des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan mitgeführte Unternehmen Baykar Technologies, das unter anderem die Bayraktar entwickelt und vertreibt, hat gerade 49 Bayraktar-Kampfdrohnen an die Ukraine verkauft. Serbien indes kaufte in der jüngsten Vergangenheit Kampfdrohnen von China, unter anderem vom Typ Chengdu Pterodactyl-1. Dieser Drohnentyp beispielsweise wurde auch in Libyen verwendet. Allerdings unterstützte die Türkei die libysche Einheitsregierung ebenfalls gegen den Warlord General Khalifa Haftar mit türkischen Drohnen und konnte somit mithelfen weite Teile des Landes zurückzuerobern. Die türkische Bayraktar-Kampfdrohne wurde aber nicht nur in Libyen, sondern auch in Syrien und Bergkarabach eingesetzt und konnte dort Erfolge verbuchen. Das ist natürlich eine gute Werbung.

Was ist denn das besondere an einer Drohne als Waffe? Und wie ist der Entwicklungsstand?

In der Bundeswehr wurden Drohnen klassisch für Aufklärung und Beobachtung eingesetzt. Drohnen haben lange Flugzeiten und ihre Reichweiten sind gut. Bewaffnete Drohnen, um die es in der öffentlichen Debatte hier in Deutschland geht, sind in der Regel Beobachtungsdrohnen ausgestattet mit Wärmesensoren und technisch hochwertigen Aufklärungs- und Kampfoptiken, die man zusätzlich mit Hellfire oder Griffin-Raketen ausstatten kann. Diese Drohnen können über feindlichem Gebiet ein Ziel auskundschaften und angreifen. Aber die Entwicklung ist ja nun zum Teil perfide geworden. Mittlerweile gibt es so genannte Einwegdrohnen oder auch Kamikazedrohnen. Sie sind selber eine Waffe, also mit Sprengstoff bestückt. Anders aber als bei einer Rakete, bei der man Zielkoordinaten eingibt, verfolgen diese Art von Drohnen ihr Ziel. Man könnte beispielsweise einen Schwarm solcher Drohnen so programmieren, dass sie eine Formation Kampfpanzer angreifen. Jede einzelne Drohne bekommt ein Ziel, das sie verfolgt, bis es vernichtet ist.

Ist der Mensch als Entscheider immer noch involviert?

In der Regel schon, denn normalerweise wird das Ziel nicht nur vom Menschen programmiert, sondern auch während des Einsatzes überwacht, zum Beispiel um das Ziel zu ändern oder den Einsatz abzubrechen. Es gibt diese Systeme aber auch schon so, dass der Mensch nach dem Befehl des Einsatzes keinen Einfluss mehr hat. Hier wäre ein Beispiel die türkische Kargu2 Drohne, die zum einen die Möglichkeit hat, mit einer Lernsoftware Rahmendaten über den Gegner zu lernen – beispielsweise Uniformen, Bewaffnung, Gefechtsfahrzeuge und ähnliches. Diese Kargu2 Drohne soll in Libyen bereits ohne „man in the loop“ angegriffen haben; als autonomes Waffensystem. Da kann der Mensch nicht mehr eingreifen. Diese Drohne soll Berichten zufolge ihr Ziel verfolgt haben bis zum Treffer.

Wird das in der öffentlichen Debatte um die Bewaffnung von Drohnen für die Bundeswehr berücksichtigt?

Meines Wissens nach berücksichtigen wir dieses Szenario – zumindest in der öffentlichen Debatte – nicht ausreichend. Die ethischen Aspekte kommen bei diesen Fragen des Einsatzes bislang viel zu kurz. Das GIDS hat vor einiger Zeit einen Workshop zu den ethischen Herausforderungen digitalen Wandels in bewaffneten Konflikten durchgeführt und die Ergebnisse Anfang 2020 in einer Online-Publikation veröffentlicht. Ehrlich gesagt stehen wir bei diesen enorm wichtigen Fragen immer noch am Anfang. Wir müssen aber darüber sprechen, unter welchen Bedingungen wir solche Systeme nutzen und wie wir unsere Soldatinnen und Soldaten im Gefecht effektiv schützen. Ich hatte in meinem Vortrag bei der #GIDSdebate das klassische Beispiel vom Infanteriezug im Wald erwähnt. Der Feind klärt ihn mit Wärmesensoren auf, setzt dann einen Schwarm von Kleinkampfdrohnen ein – die sind nicht größer als eine Streichholzschachtel – und programmiert sie so, dass sie sich einzeln untereinander koordinieren, wer auf welches Ziel geht. Der Infanteriezug hätte keine Chance; der Tod würde komplett lautlos kommen. Ohne Drohnenabwehr hat man keine Chance und die brauchen wir bis zur taktischen Ebene. Das ist der Fluch der Technik. Wir alle können mittlerweile handelsübliche Drohnen kaufen und sie zu Kampfdrohnen umbauen. Auch dieser Drohnenschwarm, von dem ich gerade sprach, ist handelsüblich. Das ist kein „Kampf-Schwarm“. Man kann die Technik erwerben und die Software dazu. Dann sind Möglichkeiten da, eine handelsübliche Drohne zu einer Kampfdrohne umzustrukturieren und neu zu programmieren. Das kann theoretisch jeder. Und jetzt kommt ein ganz wichtiger Punkt, mit dem wir uns unbedingt beschäftigen sollten: der internationale Terrorismus. Es geht nicht nur um Schutz unserer Soldatinnen und Soldaten vor Drohnen, sondern auch um den Schutz der Zivilbevölkerung.

Welche Herausforderungen kommen auf dem modernen Gefechtsfeld noch auf uns zu?

Eine weitere Herausforderung ist die elektronische Kriegsführung. Wenn man sich das Gefechtsfeld vorstellt, dann ist das – für einen Laien beschrieben – wie ein dreidimensionaler Lindwurm. Es muss zwischen Heer und Luftwaffe immer Absprachen bei der Luftunterstützung geben. Das gesamte Szenario muss abgestimmt sein. Aufgrund der neuen Waffensysteme brauchen wir eine umfangreichere Abwehr, sei es mit Jammen oder mit anderen Störsendern, die das Funksignal unterbrechen. Das kennen wir aus Afghanistan. Wir konnten so Anschläge mit Sprengsätzen verhindern, indem wir das Signal des Mobiltelefons störten. Wir können aber damit auch Störungen auf unseren Funkverkehr eindämmen. Natürlich müssen wir auch selber Impulse geben, um uns gegen Einwirkungen des Gegners zu schützen. Schall ist auch ein wichtiger Aspekt bei der Drohnenabwehr, er wird beispielsweise auf Flugplätzen gegen Drohnen eingesetzt. Dann gibt es natürlich auch noch die letzte effektive Möglichkeit, das SkyNet-System. SkyNet muss man sich vorstellen wie eine Waffe, die mit spezieller Schrotmunition gegen anfliegende feindliche Drohnen eingesetzt wird. Dies muss bis in die tiefste taktische Ebene vorhanden sein.

Was bedeuten all diese neuen Technologien für das Gefechtsfeld der Zukunft und auch für die Bundeswehr?

Wir müssen von der klassischen Struktur unserer Verbände weg. Ich glaube, dass die bisherigen Brigadestrukturen zu schwerfällig, zu starr im Landkrieg der Zukunft sind. Zudem brauchen wir zusätzliche Elemente zur Abwehr und für den Kampf, um in zukünftigen Kampfszenarien nicht nur zu bestehen, sondern kriegstauglich und siegfähig zu sein. Mit der gegenwärtigen Technik – also Aufklärungsdrohnen – können zum Beispiel klassische ortsfeste Gefechtsstände von Brigaden sofort aufgeklärt und vernichtet werden. Da haben die Armenier im jüngsten Bergkarabach Krieg bitter Lehrgeld zahlen müssen. Wir müssen schneller, flexibler, agiler werden. Nach meiner Auffassung müssen Stäbe von Verbänden beispielsweise nicht so groß sein; das macht sie sehr unflexibel und schwerfällig. Zudem braucht man für große Stäbe eine immense Eigensicherung durch Sicherungskräfte. Ist der Hauptgefechtsstand mit seinem Stab vernichtet, sind Herz und Kopf und somit die Führung des Verbandes nicht mehr gewährleistet. Dringend notwendig ist eine Heeresflugabwehr. Wir brauchen eine Überwachung des Raums von oben und von unten – gerade in Hinblick auf Drohnen. Wichtig ist auch – und das fällt in den Bereich der elektronischen Kampfführung – die Interoperabilität im Kommunikationssystem. Wir müssen alle, ganz besonders in multinationalen Verbänden, miteinander kommunizieren können. Um noch einmal auf meine Antwort der ersten Frage zu kommen: Wir brauchen die nächste Generation Jammer. Und wir brauchen gut ausgebildete elektronische Kampfführung bis hinunter auf die taktische Ebene. Das System SkyNet hat die Bundeswehr derzeit nicht; dies ist aber dringend erforderlich, damit unsere Soldatinnen und Soldaten sich gegen möglichen Drohnenangriffe auch auf der taktischen Ebene und auf der Ebene des Kampfs aktiv und erfolgreich wehren können. Das Problem ist, dass das alles keine Science-Fiction mehr ist. Es ist Realität. Jetzt heißt es, unsere Soldatinnen und Soldaten auf diese Szenarien vorzubereiten, sie auszubilden, sie zu sensibilisieren für solche möglichen Drohnenszenarien, aber das Wichtigste: Wir müssen sie bestmöglich zu ihrem eigenen Schutz ausstatten.

Herr Oberstleutnant, vielen Dank für das Gespräch.

Autorin: Dr. Victoria Eicker

Fotos: Katharina Roggmann/ Sebastian Wilke